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Hückelhoven
Leuchtturmprojekt fällt: Jago beantragt Insolvenz

Hückelhoven: Leuchtturmprojekt fällt: Jago beantragt Insolvenz
Dunkle Wolken über dem Jago-Gelände in Hückelhoven-Ratheim, das als größtes Logistikprojekt Deutschlands gilt: Die Jago AG hat am 23. Mai Insolvenz angemeldet. FOTO: Jürgen Laaser
Hückelhoven. Das größte Logistikprojekt Deutschlands auf 190.000 Quadratmetern war Gipfel der Gewerbeansiedlungen in Hückelhoven. Der rosige Zukunftstraum platzt mit der Jago-Insolvenz. Nun werden Nachmieter für Hallen gesucht. Von Gabi Laue

Jago ist pleite. Die Nachricht löste am Dienstag Bestürzung im Rathaus aus. Die gigantische Immobilie am Zechenring war der Stolz der Stadt, galt als Meilenstein in der Entwicklung Hückelhovens, Antrieb für den Baubeginn der Ortsumgehung L 117n und Leuchtturmprojekt für das gemeindeübergreifende Industriegebiet Rurtal. Jetzt ist eine Blase geplatzt: Hauptmieter Jago, einer der großen Internethändler, hat Insolvenz angemeldet. Nach Recherchen der Redaktion gehört das Millionen-Objekt auch nicht mehr dem Projektentwickler Panattoni, der hat die Logistikhallen nach Aussage von Unternehmenssprecher Jens Tosse inzwischen verkauft.

"Die Stadt Hückelhoven hat am gestrigen Tage die Information erhalten, dass am 23. Mai die Jago AG, vertreten durch den Vorstand Goran Jakovac, vor dem Amtsgericht Stuttgart unter dem Aktenzeichen 7 IN 455/17 Insolvenz angemeldet hat", teilte Bürgermeister Bernd Jansen am Dienstag enttäuscht mit. Mit dieser Hiobsbotschaft ist die Hoffnung auf 800 im Laufe der nächsten Jahre zugesagte Arbeitsplätze dahin. 80 bis 100 Menschen soll die Jago AG in Ratheim nach Fertigstellung der ersten Hallen beschäftigt haben. Gerüchte waberten seit Monaten durch die Stadt, weil von außen, zur Landstraße hin, die zuletzt errichteten Hallen gähnend leer blieben. Die Jago AG war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, Panattoni Europe kündigte, in Abstimmung mit dem neuen Investor, für den heutigen Mittwoch eine Erklärung an. Panattoni hatte nach eigenen Angaben in Ratheim einen "hohen zweistelligen Millionenbetrag" investiert.

Freude über die Jago-Ansiedlung (v.l.): Dr. Joachim Steiner (WFG), Wassenbergs Bürgermeister Manfred Winkens, Peter Ponthöfer, Bürgermeister Bernd Jansen, Goran Jakovac, Fred-Markus Bohne und Felix Zilling (Panattoni). FOTO: JL (Archiv)

Mit Stolz und Freude hatte Bürgermeister Bernd Jansen im August 2015 das Leuchtturmprojekt präsentiert: ein Logistikzentrum auf einem 190.000 Quadratmeter großen Grundstück mit 120.000 Quadratmetern Grundfläche, das in zwei Jahren 800 Arbeitsplätze schaffen sollte. Das Projekt nahm rasch Fahrt auf: Nach dem Spatenstich Mitte August folgte am 25. November das Richtfest im ersten Bauabschnitt. Im März 2016 wollte der Online-Händler den Logistikstandort im interkommunalen Industriegebiet beziehen. Es bewegten sich auch Lkw und Container auf dem Gelände neben der Kohlenwäsche. Auf dem Hallenboden stand Ware in Kartons, doch der Einzug schien nicht wesentlich voranzuschreiten.

Als Stadt und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) des Kreises Heinsberg bei einem Pressetermin 2015 die Neuansiedlung feierten, schilderte Firmengründer und Vorstand Goran Jakovac eine Blitzkarriere: Emigrantenkind aus einer Arbeiterfamilie im Harz mit Abi und kaufmännischer Lehre, Start 2005 im Zehn-Quadratmeter-Büro mit Katzenkratzmöbel-Versand, zehn Jahre später vom Hauptsitz in Stuttgart aus aktiv in 29 europäischen Ländern mit Büros in Casablanca, Shanghai und Berlin. 2012 folgte die Umfirmierung in die Jago AG und die Gründung einer Niederlassung im chinesischen Ningbo. Jago feierte seinen millionsten Kunden.

2015 hatte Jago Anker in Österreich, der Schweiz und in Großbritannien gesetzt, Franzosen bestellten bei jago24, von Hückelhoven aus sollte auch der niederländische Markt bedient werden. Elf Eigenmarken und Produkte aus den Bereichen Tierbedarf, Kinderwelt, Freizeit & Fitness, Heimwerken, Wohnen und Garten wurden über den unternehmenseigenen Online-Shop jago24.de sowie die Portale Amazon und eBay europaweit zum Verkauf angeboten. Mit der Lagerfläche in Hückelhoven erhoffte sich der Internet-Händler, durch die gute Verkehrsanbindung an die niederländischen und belgischen Überseehäfen sowie den nahen Containerhafen Born Zeit zu sparen. Selbstbewusst plante Jakovac ein Wachstum um 30 bis 50 Prozent in den nächsten fünf Jahren.

Nach Informationen der Stadt Hückelhoven wurde Rechtsanwalt Dr. Thilo Schultze aus Stuttgart vom Amtsgericht zum vorläufigen Insolvenzverwalter und Verfahrensbevollmächtigten bestellt. Sein Auftrag: als Sachverständiger prüfen, ob ein nach der Rechtsform der Schuldnerin maßgeblicher Eröffnungsgrund vorliegt und welche Aussichten für eine Fortführung des Unternehmens bestehen.

Auf Anfrage der Stadt bestätigte die Firma Panattoni Europe, ursprünglich Eigentümerin und Vermieterin der 120.000 Quadratmeter großen Gewerbeimmobilie im Industriepark Rurtal, die Eröffnung des Insolvenzverfahrens der Jago AG. "Diese Mitteilung kam für die Stadt Hückelhoven sehr überraschend, denn im ständigen Dialog zwischen Stadt, Panattoni und Jago deutete sich eine solche Problematik nicht an", so die Presseerklärung der Stadt. Ebenfalls sei aus der wirtschaftlichen Entwicklung und den positiven Bilanzen der Jago AG kein negativer Trend zu erkennen gewesen. Und nun die Enttäuschung.

Es bleibe abzuwarten, wie das Insolvenzverfahren verläuft. Panattoni Europe, größter Entwickler für Industrie- und Gewerbeimmobilien, sei bereits "in ernsthaften Gesprächen mit entsprechenden Nachmietern". Dabei sei sowohl die Verwaltung als auch Panattoni Europe sehr zuversichtlich, diese schnellstmöglich zu finden, denn die Logistik-Branche boome. Panattoni habe stets auf eine unabhängige Verwertbarkeit der Immobilie in Ratheim Wert gelegt. Die Teilbarkeit der Halle in zwölf Abschnitte biete von daher gute Voraussetzungen für verschiedene Nachnutzerszenarien.

Das sieht WFG-Geschäftsführer Ulrich Schirowski als großen Vorteil: "Die Verkehrsanbindung ist gut, die Nachfrage nach Logistikflächen hoch, die Hallenflächen in dem neuen Gebäude sind auch einzeln zu vermarkten." Es sei wichtig, dass nun Leben in die Immobilie kommt. Schirowski sieht den Neubau nicht als Investitionsruine. Und: "Wir werden, wenn wir um Unterstützung gebeten werden, auch helfen."

Quelle: RP
 
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