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Hückelhoven
Pionier der Industrialisierung in Hückelhoven

Hückelhoven: Pionier der Industrialisierung in Hückelhoven
Der Bauernhof von 1755 an der Straße Am Lieberg wurde von Wilhelm Schwarz zur Fabrik erweitert (heute Opelmuseum Zurkaulen). FOTO: Jürgen Laaser
Hückelhoven. Schon gut 20 Jahre vor der Zechenerschließung setzte die Textilfabrik Wilhelm Schwarz die Industrialisierung in Gang. Von Willi Spichartz

Die Industrialisierung in und um Hückelhoven wird gewöhnlich auf die Erschließung der Steinkohlenfelder der Zeche Sophia-Jacoba ab 1884 mit den Erkundungsbohrungen datiert. Auf gut 20 Jahre früher lässt sich aber das erste Industriepflänzchen festlegen: Die Textilfabrik, die Wilhelm Schwarz vor genau 165 Jahren in der heutigen Straße Am Lieberg in Hückelhoven gründete.

Daran erinnern die beiden Hückelhovener Stadtführerinnen, Gerda Boisten für die Altstadt und für Neu-Hückelhoven Gertrudis Cörrenzig mit der "Kollenietour", die nun gemeinsam die Tour "Wilhelm Schwarz, Wegbereiter ins Industriezeitalter" im Heimatarbeitskreis Hückelhoven anbieten.

Näherinnen in der Textilfabrik Schwarz im Jahr 1920. FOTO: Familie Schwarz

1851 ratterten die ersten Web-Maschinen in einem umgebauten Bauernhof von 1755 am Ortsausgang Hückelhovens Richtung Doveren. Der erste Fabrikschlot über Hückelhoven und der weiteren Umgebung entließ den Rauch der ersten Dampfmaschine in Hückelhoven und Umgebung in den Himmel der Region. Der bis dahin nur den Qualm von Holz-Herdfeuern und von verbrennenden Garten- und Feldabfällen kannte. Mönchengladbach als Zentrum und Motor der Textilindustrie in Deutschland hatte naturgemäß Strahlkraft auf seine Umgebung. So wurden zahllose Arbeitskräfte angeworben, kleine Lohnarbeitsunternehmen entstanden in Dörfern und Kleinstädten. So auch in Hückelhoven, die noch bis in die 60er/70er Jahre des 20. Jahrhunderts produzierten.

Am 6. Dezember 1849 erteilte die "Königlich Preußische Regierung" dem in Randerath lebenden Kaufmann Wilhelm Schwarz "die Erlaubnis, Handel mit Tuchwaren aus eigener Produktion zu betreiben". Der offenbar ziemlich dynamische Unternehmer lieferte die selbst gewebten Stoffe in die aufstrebenden Textilstädte Mönchengladbach und Krefeld, die sich rasant zum Zentrum der deutschen Textilindustrie, dem "kontinentalen Manchester", entwickelten.

Doch die reine Rohstoff-Herstellung genügte Wilhelm Schwarz nicht - die Vorbilder in Mönchengladbach vor allem brachten ihn zu der Überlegung, selbst Kleidungsstücke herzustellen, zu nähen. Doch dafür reichten die Betriebsgebäude in Randerath nicht aus - er orientierte sich einige Kilometer nördlich, also näher an MG, nach Hückelhoven.

1851 ist das Datum des Beginns der Industrialisierung Hückelhovens, wie ein heute noch vorhandener Grundstein der Erweiterung des Bauernhofs belegt. In der Produktionsstätte nähten bald 50 Näherinnen Hosen, Jacken und Arbeitskleidung, die Nähmaschinen wurden mit den Füßen bedient. Freie Handelsvertreter vertrieben die Produkte bis nach unter anderem Köln, Bremen und Berlin, geliefert wurden sie per Pferdewagen zum Erkelenzer Bahnhof.

Etwas entfernt und erhöht über dem Fabrikgebäude errichteten die Nachkommen des Firmenpatriarchen ab 1910, passend zum Zeitgeschmack, eine Gründerzeit-Villa, "Louisenhöhe" genannt. Der erste Bau dieser Art mit Jugendstilelementen in Hückelhoven existiert wie alle Schwarz-Gebäude heute noch.

Bis 1930 stieg die Zahl der Beschäftigten auf 90 an, es wurde ein Ladengeschäft für die Endverbraucher im Betrieb eingerichtet. Unter den Nazis und ihrer gewaltigen Aufrüstung wurden auch Winterkleidung und Uniformen für die Wehrmacht produziert.

1944 wurde der gesamte Betrieb kriegsbedingt nach Höxter an der Weser evakuiert, 1946 kehrte man an die Rur zurück, verkaufte später die Produkte in eigenen Läden, unter anderem an der Parkhofstraße, der heutigen Volksbank. Doch wie in ganz Europa bereiteten die Billig-Lohn-Textilimporte aus Asien auch dem Hückelhovener Unternehmen erhebliche Probleme.

1970 veräußerte die Familie Schwarz den Betrieb, das Gebäude ging an die Stadt Hückelhoven, darin wurde eine Ausbildungs- und Arbeitsbeschaffungsstätte für Jugendliche eingerichtet.

Vor Jahren von seinem Käufer Helmut Zurkaulen renoviert, beherbergt es heute neben Geschäftslokalen sein Opel-Oldtimer-Museum.

Quelle: RP
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