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Hückelhoven
Schicksalsgemeinschaft kämpft um die Zukunft

Hückelhoven: Schicksalsgemeinschaft kämpft um die Zukunft
Im stimmungsvoll dekorierten "Weihnachtszimmer" bewundern alle die Geschenkpakete: (v. li.) Neuzugang Marco, Nachbarin Ulrike Waack, Max, Renate Lengersdorf, Pflegevater Michael, Ahmad, Hilke Grunow-Kürsch vom Pflegekinderdienst der Stadt und Aman. FOTO: JÜRGEN LAASER
Hückelhoven. Die Flüchtlinge bei Michael K. lernen fleißig. Aman braucht eine Ausbildungsstelle, muss sonst vielleicht zurück nach Afghanistan. Von Gabi Laue

Das dritte Weihnachten im Haus des Lehrers Michael K. (42), der 2015 drei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen hatte, wird ein echtes Familienfest. Im Sommer kam Marco* (16) aus Afghanistan hinzu, als Vierter im Bunde mit Aman (17) aus Afghanistan, Ahmad aus Syrien und Max aus dem Irak, die beide (nach den neuen deutschen Papieren) am 1. Januar 19 Jahre alt werden. Doch ernste Sorge um die Zukunft von Aman überschattet die Weihnachtsfreude: Er hat im November den Ablehnungsbescheid seines Asylantrags erhalten. Es läuft dagegen eine Klage beim Verwaltungsgericht Aachen, sagt sein Pflegevater. Seine einzige Chance, vorerst zu bleiben: wenn er bis zum Sommer einen Lehrvertrag in einem anerkannten Ausbildungsberuf hätte.

Der Hückelhovener Jugendamtsleiter Ralf Schwarzenberg ist nach wie vor begeistert davon, wie der Lehrer sich um die jungen Männer kümmert: "Es ist wahrscheinlich kreisweit einmalig, dass gleich vier junge Männer einen Pädagogen gefunden haben, einen Menschen, der viel tut und sich sehr engagiert." Nach der NRW-Quote ist sein Amt für 27 unbegleitete Minderjährige zuständig, 26 junge Flüchtlinge werden zurzeit betreut, in der Regel in Einrichtungen der Jugendhilfe. Aus deren Obhut werden auch die Volljährigen erst entlassen, wenn sie die ersten Schritte in ein selbstständiges Leben geschafft haben. Vormünderin Elke Schmitz (Jugendhilfe) und Hilke Grunow-Kürsch (Pflegekinderdienst) vertreten die Interessen der Jugendlichen.

Vom Jugendamt erhält Michael K. nicht die einzige Unterstützung für seine anspruchsvolle Aufgabe, auch die Nachbarschaft ist mit Herz und Hand dabei. Das freut Ralf Schwarzenberg, "weil es mehr Menschen im Dorf braucht, um junge Menschen großzuziehen". Michael K. fühlte sich 2015, am Anfang noch mit zwei jungen Flüchtlingen, "unglaublich herzlich aufgenommen im Dorf". Der engste Kontakt besteht zu den Familien von Renate Lengersdorf und Ulrike Waack. Die kleine Schicksalsgemeinschaft wird zu Festen, Partys und Geburtstagen eingeladen. "Wir bekommen den tollsten Kuchen der Welt", schwärmt der Pflegevater. "Es gibt Streit um die gerechte Verteilung, wenn Renate ihren Zitronenkuchen backt." Ulrike Waack war begeistert, wie die Jungs Dorffeste mitmachen. "Zum Karneval kamen sie verkleidet in den Saal." Halloween wurde eher kritisch beäugt, vor allem der Jüngste musste die "Verrücktheit" erst mal verdauen. Die Kinder aus der Nachbarschaft besuchte Michael K. kürzlich als Nikolaus, Max war Knecht Ruprecht. Heiligabend ist der kleinen Familie vorbehalten, doch dann feiern auch K.s Kollegen Weihnachten mit. Die Leiterin seiner Schule sehen die jungen Männer schon als Oma an.

Die Jugendlichen haben eine unglaubliche Entwicklung durchlaufen und kämpfen darum, das Beste für ihre Zukunft zu geben. Max, dem Ulrike Waack ehrenamtlich Nachhilfe in Mathe gegeben hat, und Ahmad besuchen das Berufskolleg Geilenkirchen - Max ist da Klassensprecher - und sind dabei, ihren 10er-Abschluss zu machen, erzählt ihr Pflegevater. Der junge Iraker, der in einem Ausbildungsbetrieb bereits ein Praktikum absolviert hat, möchte Elektrobetriebstechnik lernen. Ahmads Traumberuf ist Chefeinkäufer. "In dem Bereich sehe ich ihn auch", erzählt Michael K. und lacht, "er sucht im Internet immer die günstigsten Preise." Zurzeit konzentrieren sich die beiden Ältesten auf ihre Abschlussprüfungen, danach wollen sie für den Führerschein lernen.

Aman kam als Analphabet aus Afghanistan, ein Schafhirte, der nur Paschtu sprach. Er hat nie eine Schule von innen gesehen. "In meiner Stadt gab es keine", sagt er. Jetzt ist er Klassenbester in der B1 der Realschule Ratheim, wo er in der Stammklasse (Klassensprecher) und der Internationalen Klasse sich mächtig in den Lernstoff kniet. "Er lernt sehr schnell", lobt sein Pflegevater. "Schriftlich multiplizieren - an einem Tag ist es drin." Umso härter der Schlag, als im November der Abschiebebescheid kam. "Aman hat bitterlich geweint", erinnert sich K., und zitiert aus dem Brief des Bundesministeriums die Begründung sinngemäß: "Weil in Afghanistan unter 20.000 Menschen sterben, das kann man zumuten." Die Taliban, die Aman zwangsverpflichten wollten, haben bei seiner Mutter schon gefragt, wo er sei, wann er zurückkomme. Auch die Nachbarn sind entsetzt. "Soll er ein Gewehr einpacken und zurück? Wieder Schafe hüten?", fragt Ulrike Waack.

Für Michael K. ist der Bescheid "schwer nachvollziehbar bei jemand, der sich so viel Mühe macht". Aman habe das größte Herz von allen. Was man ihm auftrage, erledige er verlässlich zu 100 Prozent, so der Lehrer. "Tragisch: Es bringt nichts gut zu sein, man wird beurteilt nach dem Herkunftsland." Kann er bis zum Sommer einen Ausbildungsvertrag vorweisen, dürfte Aman vorläufig bleiben.

Der Verein Pro Asyl fordert angesichts der uneinheitlichen Sicherheitslage: Keine Abschiebungen nach Afghanistan. Asylsuchende schilderten Repressionen und Bedrohungen - vor allem durch die Taliban. Sie berichten von Zwangsrekrutierungen, Entführungen, Todesdrohungen und Ermordung von Familienmitgliedern. Angst vor Anschlägen ist Alltag. Richter müssen im Einzelfall entscheiden - eine Rolle spielt der "Gefährdungsquotient" aus dem Verhältnis zwischen konfliktbezogenen Todesfällen und Bevölkerungszahl, und eine "Erheblichkeitsschwelle", wie es im Juristendeutsch heißt. Ist das Amans Zukunft? Zurück in Gefahr und Angst?

Max plagen derzeit keine akuten Zukunftsängste. "Ich hab' noch nie so viel gelacht wie hier", beteuert er und strahlt sein Sonnenschein-Lächeln. Er will noch ein Jahr Schule dranhängen. Plötzlich brechen spontan Dankesbezeugungen aus ihm heraus. An die Nachbarn: "Die sind total lieb." Und an alle: "Die Leute, die ich kenne, sind alle gut. Ihr bezahlt für uns Flüchtlinge. Dafür arbeitet ihr acht Stunden, dann wollen wir auch etwas tun."

* Zum Schutz ihrer Privatsphäre hat die Redaktion die Namen der Jugendlichen geändert.

Quelle: RP
 
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