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Hückelhoven
Über die Symbole des Protests

Hückelhoven. Für richtige Buttons fehlte das Geld. Daher organisierte Harald Bretschneider, damals Landesjugendpfarrer in Sachsen, Vliesstoff für Weihnachtsdeckchen. Von Daniela Giess

Der von Bretschneider entworfene Aufnäher und das Lesezeichen mit dem Bibelwort "Schwerter zu Pflugscharen" und einer Abbildung der Plastik des russischen Künstlers Jewgeni Wutschetitsch kamen gut an bei den Jugendlichen in der DDR.

Auf Einladung des Hückelhovener Gymnasiums erinnerte sich der heute 73-Jährige an die bekannten Symbole des Protests gegen die Rüstungspolitik des SED-Regimes zu Beginn der 1980er Jahre. "Die Sachen wurden uns aus den Händen gerissen", sagte der Mitbegründer der Friedensbewegung im anderen Deutschland. In einer Auflage von jeweils 100 000 Exemplaren wurden Aufnäher und Lesezeichen verteilt. Stückpreis: 25 Pfennig. "Mit dem Überschuss bezahlten wir Prozesskosten von Wehrdienstverweigerern", erinnerte sich der aus Dresden stammende Geistliche, dessen Kontakt zum Hückelhovener Gymnasium durch Religions- und Musiklehrer Claas Otto zustande kam, der Bretschneider vor zwei Jahren auf einer Studienreise nach Israel kennenlernte. Zunächst hätten sich die Jugendlichen die Lesezeichen auf ihre Parkas genäht, bis dann der beliebte Aufnäher in runder Form entstanden sei. Stasi-Chef Erich Mielke ging dagegen vor, verbot die Protestzeichen schließlich.

Im Interview mit Lehrerin Birgit Fluhr-Leithoff und den Schülern erzählte Bretschneider, dass sein Engagement für die Friedensbewegung auf einem schlimmen Erlebnis aus der Kindheit beruht - seine Mutter zog den Dreijährigen aus einem Keller, als seine Heimatstadt im Februar 1945 zerstört wurde. Brennende Häuser, die schweren Bombardements - die Bilder hat der evangelische Pfarrer nie vergessen. Deshalb erträgt er es nicht, wenn seine Ehefrau zu Hause im Garten ein Lagerfeuer anzündet. "Ich sehe immer noch den brennenden Himmel, den flüssigen Asphalt."

Er wollte Architekt werden, verweigerte aber die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit (Stasi) und den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee (NVA). Daher gab es keine Empfehlung fürs Studium. Er beschloss, Theologie in Leipzig zu studieren, war ab 1979 als Landesjugendpfarrer für 800 Jugendkreise in ganz Sachsen zuständig.

Friedensarbeit verbinde er nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit Buße, machte er deutlich. Und erzählte seinen Zuhörern im Gymnasium, dass Wehrunterricht Pflichtfach gewesen sei in der DDR. Dass Totalverweigerer für 24 Monate ins Gefängnis kamen und Bausoldaten ihren Dienst ohne Waffe verrichteten. Diese unbewaffneten NVA-Angehörigen hätten zum Beispiel Militärgebäude gebaut.

Gemeinsam stimmten Schüler und Lehrer des Gymnasiums mit ihren Gästen und Harald Bretschneider das bekannteste Lied der DDR-Kultband Karat an: "Über sieben Brücken musst du geh'n".

Quelle: RP
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