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Hückelhoven
Viele HIV-Betroffene in Existenzsorgen

Hückelhoven: Viele HIV-Betroffene in Existenzsorgen
Die scheidende Aids-Beraterin Renate Kaspar (r.) und ihre Nachfolgerin Rut Hölz. FOTO: Jürgen Laaser
Hückelhoven. Renate Kaspar legt ihren letzten Jahresbericht als Leiterin des Aids-Beratungs- und Hilfsdienstes der AWO vor. Ihre Nachfolgerin wird Rut Hölz. Trotz großer medizinischer Fortschritte bleibt die Lage vieler Betroffener schwierig. Von Angelika Hahn

Renate Kaspar hat die Aids-Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Kreis Heinsberg ab April 1987 mit aufgebaut und in knapp 30 Jahren zu einer Einrichtung weiterentwickelt, die aus dem sozial-medizinischen Service-Angebot der Region nicht mehr wegzudenken ist. Ende des Monats geht die erfahrene Beraterin in den Ruhestand. Ihre Nachfolgerin als Leiterin ist Rut Hölz (44), wie Kaspar Diplom-Sozialpädagogin, die bereits seit 2013 schwerpunktmäßig in der Präventionsarbeit der Beratungsstelle mitarbeitet.

Der letzte von Kaspar verantwortete Jahresbericht 2015 des "Aids-Beratungs- und Hilfsdienstes" bietet also zusätzlich Anlass zu einem Rückblick zu den Anfängen der Beratungsstelle in einer Zeit, in der Aids von vielen noch gleichsam als Todesurteil verstanden wurde - verbunden mit vielfältigen Ängsten und Panik der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Auftrag und Grundkonzept der Beratungsstelle ist früher wie heute die psychosoziale Beratung als Ergänzung zur medizinischen Beratung beim Gesundheitsamt, das für die Aids-Tests (freiwillig und immer anonym) zuständig ist. "Gewachsen in den vergangenen Jahren ist die Rolle der Prävention in unserer Arbeit, vor allem die Zusammenarbeit mit den Schulen", sagt Kaspar rückblickend.

Dank großer medizinischer Fortschritte, neuer Medikamente für die Behandlung HIV-Infizierter und Aidskranker sei die Krankheit heute überwiegend nicht mehr lebensbedrohlich, dennoch nach wie vor nicht heilbar, erläutert Kaspar. "Da die HIV-Infektion heute aus medizinischer Sicht eine chronische Erkrankung darstellt und gut behandelbar ist, können aufgrund wirksamer Medikamente viele Betroffene mit einer normalen Lebenserwartung rechnen", heißt es auch im Jahresbericht. Damit verbunden aber bleiben vielfältige Probleme Betroffener, die nicht selten mit erheblichen Nebenwirkungen der notwendigen Medikamente leben müssen und unter chronischen Begleiterkrankungen leiden. Zudem machen psychische Labilität, soziale und materielle Unsicherheit vielen Betroffenen zu schaffen, die ihren Weg in die Beratungsstelle finden, betonen Kaspar und Hölz. "Problematische Arbeits- und Lebensbedingungen, Existenzsorgen und fehlende soziale Netzwerke erhöhen die psychische und körperliche Belastung. Häufige Folgen sind Depressionen, Suchtgefährdung und Schulden", betont der Jahresbericht. So umfassen die Unterstützungsangebote auch etwa betreutes Wohnen oder finanzielle Hilfen unter anderem aus dem Spenden-Fonds der AWO.

Ist mit der Verbesserung von Aufklärung und medizinischer Versorgung in Sachen HIV/Aids auch ein Mehr an Offenheit und Toleranz der Gesellschaft verbunden? Da sind die Beraterinnen gerade für den ländlichen Bereich skeptisch. "Sobald jemand einen Betroffenen kennt, kommen oft die alten Ängste und Vorurteile wieder hoch", hat Renate Kaspar immer wieder erfahren. Und auch ihre Kollegin spürt nach wie vor eine Stigmatisierung und Berührungsängste zu der im ländlichen Bereich tendenziell wachsenden Zahl Betroffener. Deshalb bringt sie ganz bewusst HIV-Infizierte bei ihrer Präventionsarbeit vor Schulklassen. "Die Betroffenen erzählen ihre persönliche Geschichte und lassen auch Schülerfragen zu", berichtet Rut Hölz. Das wecke bei den Jugendlichen Verständnis und Einfühlung.

Die Zahl der HIV-Infizierten im Kreis Heinsberg schätzen die Beraterinnen auf rund 100. Nach wie vor als Manko empfinden sie die Tatsache, dass es im Kreisgebiet keine medizinische Schwerpunktpraxis für HIV-Betroffene gibt.

2015 gab es 320 persönliche oder telefonische Beratungskontakte, 60 Personen im Alter von 25 bis 66 Jahren wurden beraten, wobei das Alter der Klienten tendenziell zunimmt. Von diesen Einzelfällen waren 35 Prozent HIV-positiv, zehn Prozent Bezugspersonen. Zu 55 Prozent nutzten ratsuchende Bürger und Fachpersonal das Beratungsangebot. Neben Einzel- und Paarberatungen fanden 13 Fachberatungen von Multiplikatoren verschiedener Berufsgruppen und neun Gruppentreffen der HIV-Selbsthilfegruppe im Kreis statt.

2668 Teilnehmer wurden in 57 Präventionsveranstaltungen erreicht, heißt es im Jahresbericht, der vielfältige Informationskampagnen der Beratungsstelle auflistet. Die größte Zielgruppe stellen dabei Schüler und Jugendliche dar.

Quelle: RP
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