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Hückelhoven
Vom Hospital zu modernen Seniorendiensten

Hückelhoven: Vom Hospital zu modernen Seniorendiensten
Eine Postkarte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt das Maria-Hilf-Kloster Brachelen. Hier wirkten Schwestern vom Orden der Franziskanerinnen von der hl. Familie. Drei Nonnen wollen auch zur Jubiläumsfeier kommen. FOTO: ISP (ARCHIV)
Hückelhoven. 150 Jahre Haus Berg feiern die St. Gereon Seniorendienste am Sonntag, 13. September, in Brachelen. Ein Herrenhaus im Wandel. Von Willi Spichartz

Mit gut 3500 Einwohnern war Brachelen die größte Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen Rheydt, Düren, Stolberg und Aachen, größer selbst als Mönchengladbach. Dass zu einer Kommune dieser Größenordnung eine entsprechende sozial-versorgende Infrastruktur gehört, das erkannte der 1863 ins Dorf gekommene Pfarrer Johann Peter Rademacher sofort. Er begründete 1865 das "Maria-Hilf-Hospital", das als St. Gereon Senioreneinrichtungen bis heute Bestand hat. Das 150-jährige Bestehen wird am Sonntag, 13. September, gefeiert.

Der Bedarf in Brachelen war zur Mitte des vorvorigen Jahrhunderts so reichlich, dass Radermacher ein Mehrspartenhaus einrichtete - Krankenhaus, Kindergarten, Nähschule, Armenspeisehaus, Waisenhaus und Altenheim. Und das Gebäude hatte der vorausschauende Seelenhirte ein Jahr zuvor aus eigenen Mitteln von Baron von Hövel aus Jülich gekauft: Haus Berg, eines der drei Herrenhäuser in Brachelen.

Geschicklichkeit bewies der aus dem Weiler Pütt bei Waldenrath stammende Priester in der Frage des Personals und der Geschäftsführung - er gewann den jungen Schwesternorden der Franziskanerinnen von der hl. Familie in Eupen, das damals zu Deutschland gehörte.

In Brachelen, dem großen Handwerkerdorf mit vier Mühlen, einer Papierfabrik und dem riesigen Kappbusch als Wirtschaftsfaktoren, hat man wohl mit Spannung auf den Betriebsstart der Multifunktionseinrichtung "Maria-Hilf-Hospital" gewartet, die ab dem 19. Juni 1865 zumeist als "Maria-Hilf-Kloster" bezeichnet wurde. Denn das war der Tag, als Ordensgründerin (1857) Mutter Elisabeth von Jesu mit drei Nonnen erschien, um den per Vertrag vereinbarten Dienst zu beginnen und Wohnung in einer Klausur im Herrenhaus zu nehmen. Dass die Einrichtung notwendig war in Brachelen, zeigt die Chronik der Bürgermeisterei (in heute putzigem Deutsch): "Diese Anstalt nahm alte, abgelegte Personen sowie Kinder zum billigen Verpflegungssatz von 36 Talern jährlich auf und brachte die Gemeinde manche alte, beim Betteln ergraute Personen in dieser Anstalt unter, wodurch die Bettelei, die hier stets stark geherrscht, wirksam gehemmt wurde."

In Zeiten vor staatlicher Sozialhilfe als Rechtsanspruch war in vielen Dörfern die Armut das Problem überhaupt. Und die Bettelei. Die Gemeinde stellte dem "Maria-Hilf-Hospital" 700 Taler jährlich zur Unterstützung der Armen zur Verfügung - und verbot das Betteln. Letzteres wurde konsequent verfolgt, sodass Brachelen sich bald als "bettelfrei" bezeichnen konnte. Dennoch reichten die 700 Taler wohl bei weitem für die Armenpflege und die Mittagsspeisung von zumeist 30 bis 40 Personen nicht aus, Spender und der Orden mussten beispringen, das Erzbistum Köln übergab Pfarrer Rademacher 2000 Taler.

Darüber hinaus leisteten die Schwestern den Unterricht der "Elementarschule" im Dorf und vermittelten Mädchen Nähfertigkeiten. Im "Kulturkampf" in den 1870er Jahren, in dem das Königreich Preußen eine Trennung von Kirche und Staat durchsetzen wollte, war den Schwestern der Unterricht verboten. Auch die Betreuung der Waisenkinder wurde untersagt, der Orden mietete daraufhin ein Haus in Holland, wohin zwei Schwestern mit den Kindern zogen.

Vor allem diente das Kloster aber als Krankenhaus, in der Region existierte bis dahin nur eine ähnliche Einrichtung in Heinsberg (seit 1861), aber weder in Erkelenz, Geilenkirchen, Gangelt, Wegberg, Linnich und Jülich. Rund 40 Betten standen zur Verfügung, um akute Verletzungen zu behandeln und auch Amputierungen vorzunehmen. 1911 wurde ein Isolierhaus zur Behandlung von Typhus, Malaria und Tuberkulose angebaut. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Wandlung zum reinen Altenheim vollzogen. Inzwischen waren in der Region eine ganze Reihe von modernen Krankenhäusern errichtet worden. Auch die Armenspeisungen wurden überflüssig, der Kindergarten wurde der Pfarre überstellt. Die letzten drei Schwestern der Franziskanerinnen von der hl. Familie verließen Anfang Januar 1976 Haus Berg, der gesellschaftliche Wandel drückte sich im Nachwuchsmangel an Ordensschwestern aus.

Konzentration auf die Kernaufgabe "Seniorendienste" und deren Ausbau leitete ab den 1980er Jahren der hauptberufliche Geschäftsführer Bernd Bogert ein. Zuvor hatten ehrenamtliche Beauftragte der Pfarre mit den Schwestern "die Bücher geführt". Heute sind die St. Gereon Seniorendienste mit bald sechs Standorten und differenzierten Angeboten in Pflege und Betreuung größter Anbieter in der Region.

Quelle: RP
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