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HÜckelhoven
Vor 50 Jahren: Lohn nicht mehr in der Tüte

HÜckelhoven. Die Entscheidung hatte Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft - die mit den Zapfhähnen - und in den Bergarbeiterfamilien: Lohn wurde nur noch aufs Konto überwiesen. Von Willi Spichartz

50 Jahre zurück - ein denkwürdiges Jahr 1967 mit einer Entscheidung des bei weitem größten Arbeitgebers in der damaligen Großgemeinde Hückelhoven-Ratheim und dem Kreis Erkelenz: Die Steinkohlenzeche Sophia-Jacoba stellte die Lohnzahlung für die Arbeiter von zweimal monatlicher Barzahlung auf monatliche Überweisung auf ein Bankkonto um.

Das Unternehmen folgte damit einer schon seit Jahren laufenden Entwicklung, die schon die Hälfte der Arbeiter der Zeche selbst nutzten, die Angestellten ohnehin. Das hatte auch einen Effekt für die Infrastruktur Hückelhoven-Ratheims, indem die Deutsche Bank AG bereits 1965 eine Filiale an der Parkhofstraße eröffnet hatte, einen Steinwurf von der Hauptverwaltung von Sophia-Jacoba entfernt.

1967 eröffnete die Kreissparkasse ihre neue Filiale an der oberen Parkhofstraße mit dem Umzug aus dem Altbau an der unteren Parkhofstraße. Eingeführt wurde bei Sophia-Jacoba die bargeldlose Monatsüberweisung über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer nach Verhandlungen des Grubenvorstands und des Betriebsrats. "Alle Arbeiter, die noch kein Lohnkonto bei einer Bank oder Sparkasse besitzen, haben ein solches unverzüglich einzurichten", hieß es damals in der Werkszeitung. Und weiter: "Die Gewerkschaft Sophia-Jacoba ist berechtigt, ein Bank- oder Sparkassenkonto nach Rücksprache mit dem Arbeiter einrichten zu lassen, wenn die Mitteilungskarte (über die eigene Einrichtung eines Kontos, d. Red.) nicht rechtzeitig vorliegt." Die Neuregelung galt ab 16. Dezember 1967, von da an jeweils am 15. oder 16. eines Monats. Bis dahin wurde zur Mitte und zum Ende eines Monats bar in der Lohntüte ausgezahlt.

Von daher verfügten vor allem die Zechen über sogenannte "Lohnhallen", repräsentativ gestaltete Großräume über zwei Geschosse, die Hunderte von Mitarbeitern zur Ausgabe der "Lohntüten" aufnehmen konnten. Um den Kumpels die Umstellung zu erleichtern, bot das Unternehmen zinslose Überbrückungsvorschüsse je nach Familienstand bis 300 D-Mark an. 25 Mark erhielten die Mitarbeiter, die auf einen derartigen Überbrückungsvorschuss verzichteten.

Der Hückelhovener Wochenmarkt war in den 1950-er Jahren noch an die Lohntage der Zeche gebunden und fand auf dem Friedrichplatz, gegenüber der SJ-Hauptverwaltung statt. Älteren Hückelhovenern ist noch erinnerlich, dass an den Lohntagen die örtliche Gastronomie Spitzenumsätze hatte dank der Lohntüten. Von daher begrüßten die Ehefrauen vieler Kumpels die bargeldlose Zahlung, die Gastronomen weniger.

Mit der bargeldlosen Lohnzahlung und dem gleichzeitigen Aufkommen der Supermarktketten endete auch die Ära des "Anschreibens" in Hückelhoven - bei den ortsansässigen Kaufleuten konnten vor allem die Bergmannsfamilien bei Ebbe in der Familienkasse bis zur nächsten Lohntüte einkaufen, ohne zu bezahlen. Das Gekaufte wurde vom Händler in einem Büchlein "angeschrieben" und unmittelbar mit dem Erhalt der Lohntüte von den Familien bezahlt.

Quelle: RP
 
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