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Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 17
"Weltgermanist" kommt aus Doveren

Erkelenz. Prof. Dr. Phil. Michael Lützeler (73) lehrt an der Washington University in St. Louis/USA deutsche und europäische Literatur und Kultur. Von Hans Groob

HÜCKELHOVEN Dass ihm das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zum Siebzigsten eine Aufmachung mit der Headline "Der Weltgermanist" widmete, hat Professor Dr. Paul Michael Lützeler in aller Bescheidenheit "auch ein klein wenig mit Stolz erfüllt". Schließlich war es bis dahin ein langer Weg, der aus dem Hückelhovener Stadtteil Doveren bis in das Herz der Vereinigten Staaten von Amerika nach St. Louis in Missouri führte. Dort an der Washington-Universität hat der Literaturwissenschaftler zwar seinen "Stammsitz" als Leiter des von ihm gegründeten Max-Kade-Centers für deutschsprachige Gegenwartsliteratur, unterhält aber derart viele Kontakte - literarisch und persönlich - auf dem Globus, wie kaum ein Zweiter seines Fachs. Passen würde daher auch "Reisegermanist" - gerade wieder in der Luft unterwegs zu einem der vielen bedeutenden Kongresse. Forschungsarbeit sind unter anderem Romantik, Exilliteratur, Schwerpunkt Hermann Broch, und Gegenwartsliteratur.

Herausgelöst aus Terminvorgaben, ist es Paul Michael Lützeler ganz wichtig, jährlich ein oder zwei Zeitfenster zu blockieren, um den Kontakt zum Heimatdorf zu halten. Da ist vorrangig das Familientreffen von ursprünglich neun Geschwistern (drei Mädchen und sechs Jungen, von denen zwei verstorben sind) und deren Angehörigen. Dieser inzwischen gewachsene Kreis trifft sich aktuell am 1. Juli in der "Doverener Mühle". Ein Klassentreffen der 1950er Volksschüler gibt es im Zwei-Jahres-Rhythmus: "Noch etwa die Hälfte ist mit dabei", weiß Paul Michael Lützeler und schaut interessiert auf die vielfältigen Leben der Mitschüler, "die auf wunderbaren Grundlagen basieren, die damals beim Besuch der Schule, der Kirche oder auch Vereinsveranstaltungen gelegt wurden".

Sein eigenes begann am 4. November 1943 in Doveren auf der Neustraße 43 (heute Johann-Holzapfelstraße), als kurz nach einem Fliegerangriff bei der Mutter die Wehen einsetzten. Dass es "eine normale Geburt mit Hebammenhilfe" wurde, weiß er von seiner Mutter (der Vater war zum Militär einberufen worden), wie auch über die Zeit der Evakuierung in Schöningen bei Helmstedt und die Rückkehr nach Doveren, wo die Familie wegen Zerstörung des eigenen Hauses in ein Bauerngehöft eines Großonkels der Mutter zur Rathausstraße ziehen musste. Eigene Erinnerungen hat "klein Paul Michael" an die "kurze, aber wunderbare Kindergartenzeit mit großartigen Schwestern, die uns Spiele und Lieder beibrachten". Eindruck hat auch Brunhilde Seidel in der Katholischen Volksschule Doveren hinterlassen. Sie war nicht nur seine erste Lehrerin, die 40 zu Ostern 1950 eingeschulten Kinder waren auch die erste Klasse der frisch aus dem Lehrerinnenseminar gekommenen Pädagogin, die aus dem Sudetenland in den Westen geflüchtet war. Alle waren sich einig, auch bei Klassentreffen viele Jahre später: "Wir mochten sie sehr. Auch ihr rollendes R und die ungewöhnlichen Wortwendungen - na freilich". Im Januar vorigen Jahres ist Brunhilde Seidel 93-jährig gestorben in Erkelenz, wo sie Rektorin der ehemaligen Katholischen Grundschule für Mädchen war.

Die Volksschule Doveren hatte mehrere Lehrer, die zu den Kriegsvertriebenen gehörten. In der vierten und fünften Klasse war es Alfred Behrend, der aus Ostpreußen stammte, weshalb der sprachliche Unterschied noch viel ausgeprägter war. Schüler Lützeler: "Wenn ich später Günter Grass reden hörte oder Passagen aus der Blechtrommel las, musste ich an Lehrer Behrend denken, der manchen Schüler im Fall des Tadels auch noch Lorbass nannte. Zunächst schmunzelten wir, weil wir nicht wussten, dass es ein altpreußischer Ausdruck für Lümmel, Strolch oder Spitzbub (um nur die harmlosen zu nennen) war."

War das für den späteren Literaturwissenschaftler die erste zarte Annäherung seiner Passion? Dazu gehörten bestimmt Fahrten zum Kindertheater nach Mönchengladbach, über den Religionsunterricht das Verstehen der Bibel sowie in der Schule der Kontakt zu Novellen von Theodor Storm, Adalbert Stifter oder Gottfried Keller. Beeindruckend waren aber auch die Aufführungen des Doverener Theatervereins, der zwischen 1948 und 1952 auf der Freilichtbühne am Junkerberg Aufführungen veranstaltete. So Carl-Maria von Webers Oper "Der Freischütz" als Sprechtheater mit der Besonderheit, dass der "Jungfernkranz" von jungen Doverener Mädchen gesungen wurde. Ein Erfolg auch Theodor Körners Trauerspiel "Zriny". Die Lützelers waren dabei mächtig stolz auf Ehemann und Vater Heinrich, der sich nach Militärzeit und englischer Kriegsgefangenschaft als leidenschaftlicher Laienschauspieler präsentierte - im "Freischütz" als Eremit und in "Zriny" als ungarischer Titelheld. Der Vater war aber nicht nur als Bühnenheld zu bewundern, er baute mit bescheidenen Mitteln das Haus wieder auf für die elfköpfige Familie, schulte wegen einer Mehlstauballergie vom Bäcker zum Fernmeldetechniker um - und nach Feierabend ging es noch in den Garten, für die selbstversorgende Großfamilie damals unabdingbar. Nicht selten war für die Kinder Freizeit außerhalb der Schule wegen auferlegter häuslicher Pflichten knapp: "Alle mussten mit anpacken, damit wir über die Runden kamen."

Paul Michael interessierte Geschichte sehr, die er aufzusaugen begann in der sonntäglichen Christenlehre. Die Geschichte des Heiligen Dionysius, immerhin Schutzpatron der Doverener Pfarre, faszinierte - mit Kopf, ohne Kopf, oder mit Kopf und Kopf unter dem Arm: "So etwas konnten natürlich nur Heilige zustande kriegen." Abenteuerbücher von Karl May oder Futuristisches von Hans Dominik, ausgeliehen aus der Bücherei der Kirche, wurde mit den Augen geradezu verschlungen. Schützenbruderschaft, Kirmes oder Karneval sorgten im "Dörp" zudem für Kurzweil. Paul Michael Lützeler gerät noch heute ins Schmunzeln: "Nur zu den Büttenreden waren wir Kinder nicht zugelassen, denn die Witze waren grobianisch-anspielungsreich - wie wir aber durchaus wussten."

Nach der Volksschule lernten die meisten Schüler einen Beruf, doch Paul Michael durfte zur Handelsschule nach München-Gladbach (ab 1960 Mönchengladbach). Es wurde möglich, weil das Schulgeld abgeschafft worden war. Das hatte zu gegebener Zeit verhindert, zur "höheren Schule", also zum Gymnasium nach Erkelenz zu wechseln: "Diese Welt war uns armen Familien fremd." In Gladbach faszinierte im Deutschunterricht Goethe, Meyer, Zuckmayer oder Bergengrün. Der Handelsschulprüfung folgte logischerweise eine kaufmännische Lehre bei Mannesmann-Meer, die einmal in der Woche zu einer Schulung bei der Konzernmutter nach Düsseldorf führte. Dabei kam es für Paul Michael Lützeler einige Male zum Zusammentreffen mit einem gewissen Günter Netzer, der ebenfalls Lehrling bei Mannesmann war: "Allerdings fehlte er oft, da er als Star der Fußball-Jugendnationalmannschaft wohl wichtigere Dinge zu tun hatte." Der junge Mann aus Doveren allerdings ging zielstrebig seinen Weg, der die entscheidende Wende nahm, als er durch den älteren Bruder Ulrich angeregt wurde, doch auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachzumachen: "Dank eines Stipendiums des Wilhelm-Zangen-Fonds der Firma Mannesmann-Röhrenwerke besuchte ich zweieinhalb Jahre lang das Niederrhein-Kolleg in Oberhausen, dann hatte ich die heißersehnte Hochschulreife in der Tasche." Was dann folgte, darf man ohne Übertreibung als Bilderbuchkarriere bezeichnen: Studium der deutschen und englischen Philologie, Geschichte und Philosophie an der FU Berlin, an der University of Edinburgh, Indiana University in Bloomington/USA, Universität Wien und der Universität München zwischen 1965 und 1972. Abschluss mit dem Dr. phil. an der Indiana University 1972, ab 1973 Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Washington University in St. Louis. Den Schritt vom deutschen zum amerikanischen Wissenschaftsbetrieb vollzog Lützeler schon 1968, als er ein Fulbright Stipendium der Indiana Unviersity erhielt: "Die Karriere als Professor war leichter planbar in den USA, und man war mit Ende zwanzig sein eigener Herr." Auch sein Interesse an der Exilliteratur trug dazu bei, in den USA eine Stelle anzustreben, da er noch viele Exilanten in den frühen 1970er Jahren habe interviewen können (u. a. Hanna Arendt). Gleichzeitig hielt er aber immer engen Kontakt zu den Kollegen in Deutschland und weltweit. Vor 22 Jahren erhielt er an der Washington University einen "endowed chair" (Rosa May Distinguished University Professor in the Humanities), der ihm die Möglichkeit gab, ein European Studies Program an der Universität aufzubauen, ein Zentrum für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu etablieren und sich in der Profession auf vielfältige Weise zu engagieren.

Die Herausgabe des germanistischen Jahrbuchs "Gegenwartsliteratur" ist eine Kernaktivität Lützelers. Sozusagen Lebensautor für ihn ist Hermann Broch, dessen Biographie er schrieb, dessen Gesammelte Werke er herausgab. Der Schwerpunkt seines Forschens, der literarische Europa-Diskurs, ist gerade transatlantisch hochaktuell: "Nicht die innereuropäische Staatenbalance, sondern das politische Gleichgewicht der Kontinente muss ins Zentrum aller Bemühungen rücken."

Quelle: RP
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