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Hückelhoven
Zeche brachte Arbeit und ein neues Zuhause

Hückelhoven: Zeche brachte Arbeit und ein neues Zuhause
Links: Wo Geselligkeit gepflegt wird, da ist Heimat: Musik auf dem Hof der Familie Hermanns, In der Schlee. Frau Hermanns holte Wasser an der Gemeinschafts-Wasserpumpe Achenbachstraße/In der Schlee. Der Hückelhovener Bahnhof war auch Entrée für Einwanderer um 1930. Die Aufnahme entstand an der Rückseite und zeigt rechts den Kiosk der bekannten Familie Konietzka. FOTO: Stadtwandel
Hückelhoven. Als Knecht und Magd auf einem Gut in Ostpreußen lernten sich Minna und Fritz Samland kennen. Aussicht auf besseren Lohn zog sie erst an die Ruhr, dann an die Rur. Wie die Fremde zur Heimat wurde. Von Willi Spichartz

Der Himmel so blau, die Wolken so weiß, die Landschaft so grün. Der Tag so dunkel wie die Nacht, der Raum so eng, die Wände so schwarz. Idylle gegen das Grauen, Ostpreußen gegen die Steinkohlengrube Sophia-Jacoba in Hückelhoven. Und sie waren die Gegensätze für Minna Samland geborene Pakulat und ihren Mann Fritz, die aus dem äußersten Ostpreußen in den äußersten Westen Deutschlands kamen. Und ihr Leben lang blieben, weil die Idylle nicht so idyllisch war und das Grauen viele, viele bunte Punkte hatte. Und das nicht nur für die Samlands.

"Hier bleib' ich keinen Tag!" Minna Samland war nicht die einzige Ehefrau eines Bergmanns, der es schon die Sprache verschlug, als sie zum Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts in das Bergbaudorf Hückelhoven kam. Mit einem Bahnhof in der Walachei, von dem verschlammte Wege durch Felder zum entfernten Bergwerk führten, das selbst und das Gelände darum herum eine einzige Baustelle war, hunderte Wohnungen waren im Bau. Heimelig-kuschelig war diese neue Heimat eher nicht.

Links: Wo Geselligkeit gepflegt wird, da ist Heimat: Musik auf dem Hof der Familie Hermanns, In der Schlee. Frau Hermanns holte Wasser an der Gemeinschafts-Wasserpumpe Achenbachstraße/In der Schlee. Der Hückelhovener Bahnhof war auch Entrée für Einwanderer um 1930. Die Aufnahme entstand an der Rückseite und zeigt rechts den Kiosk der bekannten Familie Konietzka. FOTO: Stadtwandel

Minna Samland und Dutzende anderer Frauen wollten allerdings nicht zurück in die Idylle nach Ostpreußen (und anderswo), sie wollten zurück ins großstädtische Ruhrgebiet, dem ersten Ziel der Emigration aus den deutschen, polnischen oder baltischen Landschaften ohne Industrie und Perspektiven für junge Leute, die dort andere Aussichten als Karrieren als Knecht und Magd in der Landwirtschaft attraktiv fanden. Und auch dafür war der Lebensweg der beiden Samlands exemplarisch - sie waren tatsächlich Knecht und Magd auf einem der alten Rittergüter der "ostpreußischen Junker" gewesen, im hierarchisch strukturierten Adels-Land der Großgrundbesitzer. Die noch auf menschliche Arbeitskraft setzten, als im Westen neben der Industrie auch die Landwirtschaft in Sachen moderner Entwicklung Sprünge nach vorn machte.

Der 1901 in Ponath bei Königsberg geborene Fritz Samland kam als junger Bursche auf Arbeitssuche zu einem Großgrundbesitzer im Kreis Stallupönen zwischen der Regierungsbezirks-Hauptstadt Gumbinnen und Litauen. Handarbeit war angesagt, die Getreideernte begann morgens um vier Uhr mit der Handsense auf riesigen Feldern; der Arbeitstag war lang, die Entlohnung knapp, die Abhängigkeit vom Junker groß. Gumbinnen (heute russisch Gussew) lebte von der Funktion als Verwaltungssitz, drei Kasernen und ein paar Gewerbebetriebe, wenig Alternativen für einen bescheidenen jungen Mann, der genug verdienen wollte, um eine Familie gründen zu können.

Der Reisepass von Minna und Fritz Samland aus Ostpreußen. FOTO: SPICHARTZ

Das ließ sich quasi auf dem Rittergut schon gut an - Fritz Samland lernte auf dem Hof seine spätere Ehefrau, geboren 1898 als Minna Pakulat, kennen, sie arbeitete (von frühmorgens bis spätabends) als Magd. Es war klar: Von einem Knechtslohn war keine Familie zu ernähren. Und so reagierte Fritz wie viele seiner Generation in der Heimat auf die Werbung des Steinkohlebergbaus des Ruhrgebiets - er zog nach Essen zur Zeche "Graf Beust" zu harter Arbeit und schmalem, aber regelmäßigem und besserem Lohn als beim Feudalherren an Nehrung und Haff.

Er kehrte noch einmal zurück zu Minna nach Gumbinnen, wo Tochter Hilde 1920 geboren wurde - wirtschaftlich reichte es natürlich nicht, man zog wieder nach Essen zur Grubenarbeit auf Graf Beust. Im November 1924 wurde in der Ruhr-Wirtschaftsmetropole geheiratet. Wirtschaftskrise, Währungsverlust, Besetzung des Ruhrgebiets durch alliierte Armeen zur Abführung der enormen Reparationsleistungen, die Deutschland nach dem Versailler Friedensvertrag zu zahlen hatte - dem "Pott" und dessen Arbeitern ging's schlecht. Zunächst allein, folgte Fritz Samland 1927 wie so viele dem Ruf der Zeche Sophia-Jacoba nach Hückelhoven, die, in holländischem Besitz, Arbeit hatte, da sie Kohle ins tief liegende Nachbarland exportierte und höhere Löhne zahlte als die Ruhrpottgruben. Die Verhältnisse ließen keine Wahl: Minna Samland musste im sich entwickelnden Hückelhoven bleiben. Besuche bei Freunden im Ruhrgebiet, Fahrten mit dem Hückelhovener Ostpreußenverein mit zahlreichen Mitgliedern nach Gumbinnen milderten die schwächelnde Aufenthaltsqualität Hückelhovens. Der Einzelhandel nahm Fahrt auf, die Gastronomie sowieso, Bergbau und Bier bildeten immer schon ein Tandem, Kinos, Vereine traten auf den Plan; die Bayern organisierten sich im Trachtenverein "Almrausch".

Und dann Ende der 50er Jahre der Supergau für Minna Samland: Ehemann Fritz war in den Ruhestand getreten - sie mussten die Wohnung, die Freunde, die Nachbarn in der Klosestraße unterm Wasserturm für einen aktiven Bergmann räumen und in die "Feierabendsiedlung" nach Wassenberg ziehen. Zehn Jahre währte die "Verbannung", dann hatte Minna es geschafft: Die Heimkehr nach Hückelhoven in die Siedlung gelang, zu Freunden, Tochter, Schwiegersohn, Enkeln und Urenkel. Minna Samland, in Doblendszen bei Gumbinnen geborene Pakulat war endgültig in ihrer neuen/alten Heimat Hückelhoven angekommen!

Quelle: RP
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