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Hückeswagen
24 Stunden Smartphone-Fasten

Hückeswagen. Fastenzeit bedeutet Verzicht - unser Autor (29) hat's einen Tag ohne geliebtes Handy probiert. Von Markus Plüm

Adieu, vernetzte Welt. Ich wage den Schritt zurück in die 1990er-Jahre und schalte mein Smartphone für die nächsten 24 Stunden aus. Was mich wohl erwarten wird, so ganz ohne Whatsapp, Facebook und Co? Ein wenig nervös bin ich ja schon, aber so schlimm kann es doch nicht sein, oder? Schließlich bin ich auch als Jugendlicher sehr gut ohne ein Handy ausgekommen. Erste Vorbereitungen habe ich aber natürlich auch getroffen: Die gute, alte Armbanduhr ist angelegt, meinen Freunden habe ich meine Abstinenz mitgeteilt und meine Mutter ist auch eingeweiht - obwohl sie ja eigentlich weiß, dass bei mir gerade dann alles gut ist, wenn ich mich nicht bei ihr melde.

Keine halbe Stunde ist vergangen, schon merke ich die ersten Auswirkungen. Auf dem kurzen Weg zum Supermarkt nebenan greife ich plötzlich panisch an meine Hosentasche. Irgendwie machen sich die am linken Bein fehlenden 112 Gramm deutlicher bemerkbar, als mir lieb ist. Ob mich auch das Phantom-Vibrations-Syndrom (kein Scherz, das gibt's wirklich) heimsucht? Abwarten. Die Wartezeit in der Schlange an der Kasse vertreibe ich mir mit dem Auswendiglernen der Plastiktütenpreise - puh.

Jetzt geht's für mich nach Düsseldorf - interne Schulung. Doch schon auf dem Weg zum Auto stellen sich die nächsten Fragen. Wie wohl die Verkehrslage gerade aussieht? Und wo muss ich überhaupt lang? Die Navigations-App auf dem Smartphone jedenfalls ist jetzt tabu. Da muss wohl der angeborene Orientierungssinn herhalten. Erst einmal Richtung Leverkusen, der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

Das Aux-Kabel liegt verwaist auf dem Beifahrersitz. Normalerweise würde das Handy jetzt für die musikalische Untermalung der Autofahrt sorgen. Mir fällt auf, wie lange ich schon kein Radio mehr gehört habe - und vor allem warum. Die erzwungenen Witze des Moderatoren-Duos jedenfalls sind alles, aber nicht witzig. Immerhin: Der Verkehrsfunk vor ein paar Minuten hat mir freie Fahrt bis Düsseldorf bescheinigt.

Feierabend. Jetzt nach Hause und den abendlichen Anruf mit der Freundin in der Heimat tätigen - aaaach Mist. Einen Festnetzanschluss gibt's in meiner Wohnung auch nicht. Also überlege ich auf der Rückfahrt fieberhaft, in welchem Installationsverzeichnis auf meinem Laptop ich noch einmal das Videotelefonie-Programm "Skype" abgelegt habe, um wenigstens so Kontakt in die Heimat aufnehmen zu können. Fündig werde ich nicht. Nur das Instant-Messenger-Relikt "ICQ" finde ich noch. Nutzt das überhaupt noch irgendjemand?

So langsam macht sich der Hunger bemerkbar. Der Kühlschrank ist prall gefüllt, einzig die richtige Kombination der vorhandenen Lebensmittel will mir nicht so recht einfallen. Eigentlich hätte meine Kochbuch-App jetzt einen Vorschlag parat. Und leider reichen meine kulinarischen Fähigkeiten noch nicht aus, um jetzt etwas Selbsterdachtes auf den Tisch zu zaubern. Also wird's die klassische Wurststulle. Abends soll man ja sowieso nicht warm essen.

Zeit fürs Bett. Wenigstens habe ich hier zuvor bereits mitgedacht und mir in Ermangelung eines klassischen Weckers - mein Smartphone übernimmt morgens auch diesen Job - beim Kollegen ein analoges Modell ausgeliehen. Mit Zeigern. Und Ziffernblatt. Wie nostalgisch. Bleibt nur zu hoffen, dass das gute Schätzchen morgen früh auch laut genug ist, um mich aus den Federn zu holen.

Die 24 Stunden sind um, ich schalte mein Smartphone wieder an. Die Bilanz: 74 neue Nachrichten, 47 ungelesene E-Mails und sieben verpasste Anrufe. Erstaunlich, was man innerhalb eines Tages unbewusst so liest und beantwortet. Der Verzicht fiel mir dennoch leichter als ich dachte - auch wenn ich zugeben muss, dass ich wegen der vielen hilfreichen Apps auf mein Smartphone als täglichen Begleiter grundsätzlich nicht verzichten möchte.

Quelle: RP
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