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Hückeswagen
Afghane ist von Polheims "fünftes Kind"

Hückeswagen: Afghane ist von Polheims "fünftes Kind"
Das Persische Wörterbuch und ein Lexikon helfen derzeit bei der Verständigung zwischen Mujtaba Mirzai und der Familie von Polheim. Jörg von Polheim hofft, dass der 15-jährige Afghane schnell Deutsch lernt und seinen Weg macht. FOTO: hertgen
Hückeswagen. Die Familie von Polheim hat einen 15-jährigen Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Mujtaba Mirzai ist gerade dabei, Deutsch zu lernen. Die Hückeswagener wollen soweit für ihn sorgen, dass er irgendwann auf eigenen Beinen stehen kann. Von Stephan Büllesbach

Auf den ersten Blick sieht Mujtaba Mirzai aus, wie jeder Jugendliche seines Alters. Der 15-Jährige trägt Jeans und Sweatshirt-Jacke wie gleichaltrige deutsche Jungen, und genauso schüchtern ist er auch.

Doch den jungen Afghanen unterscheidet seine Lebensgeschichte dann doch gewaltig von den Gleichaltrigen, die in Frieden, Wohlstand und Demokratie aufgewachsen sind: Mujtaba hat kein leichtes Leben und eine mehrmonatige Flucht aus dem Iran hinter sich. Seit Mitte Januar lebt er im Haushalt der Familie von Polheim an der Kölner Straße. "Er ist unser ,fünftes Kind'", sagt Jörg von Polheim, den die Hückeswagener als Bäckermeister und FDP-Fraktionschef kennen, mit Verweis auf die vier eigenen Kinder im Alter zwischen 20 und 29 Jahren. Nur Frederike, die Jüngste, lebt noch zu Hause. Mujtaba hat das ehemalige Zimmer ihres ältesten Bruders Florian bezogen, der in Marburg Erziehungswissenschaften studiert.

Der junge Afghane - seinen genauen Geburtstag kennt er nicht - ist im iranischen Isfahan geboren und aufgewachsen. Seine Eltern kommen ursprünglich aus Ghazni; die Hauptstadt der gleichnamigen zentralafghanischen Provinz liegt ein wenig südwestlich der Hauptstadt Kabul. Ende der 90er Jahre waren sie vor den Repressalien der Taliban in den Iran geflohen. "Doch Afghanen sind im Iran nicht gut angesehen", erzählt von Polheim. Das habe Vahid Mobini von der Gefährdetenhilfe Scheideweg, der Farsi spricht, im Gespräch mit dem jungen Afghanen herausgefunden.

Die Familie kam schließlich zu dem Entschluss: Wenn aus Mujtaba etwas werden soll, muss er von dort weg. Also organisierte sie für den 15-Jährigen, der noch zwei Brüder und Schwestern hat, einen Schleuser. "Der ist in der Türkei aber abhandengekommen", berichtet von Polheim aus Erzählungen des Jungen. Auch habe Mujtaba auf der Straße geschlafen und sei geschlagen worden. Mit einem neuen Schleuser ging's für ihn weiter. Über die damals noch offene Balkanroute erreichte der Jugendliche schließlich Bayern und kam kurze Zeit später im Erstaufnahmelage in Marienheide unter, wo das Kreisjugendamt ihn in seine Betreuung nahm.

Jörg von Polheim las in dieser Zeit einen Aufruf des Jugendamts, das Pflegeeltern für junge, alleinreisende Jugendlichen suchte. Die Entscheidung, einen solchen Flüchtling bei sich aufzunehmen, sei langsam gereift, erzählt der Bäckermeister. "Wir wurden ja alle 2015 mit den Bildern konfrontiert von Menschen, die hierher kommen und keine vernünftige Unterkunft haben", sagt von Polheim. "Wir wollten etwas tun. Zugucken war uns zu wenig."

So fuhr die Familie in eine Jugendeinrichtung in Wiehl und nahm Kontakt zu Mujtaba auf, der inzwischen dort lebte. "Wir haben unser Okay von einem Probewochenende abhängig gemacht", erzählt der Hückeswagener. "Er sollte entscheiden, ob er zu uns will, und wir wollten gucken, ob's passt." Schnell merkten beide Seiten, dass die Chemie stimmt.

Mujtaba geht in die achte Klasse der Montanusschule sowie in die Vorbereitungsklasse, in der er täglich zwei Stunden Deutsch lernt. Außerhalb der Schule und jetzt in den Osterferien versucht seine neue Familie, ihm die Sprache näherzubringen. Das geschieht etwa mit Karteikarten, die der 15-Jährige mit Vokabeln in Deutsch und der Übersetzung in Farsi beschriftet hat. Ziel ist es, dass er schnell Deutsch lernt und später eine Ausbildung macht. Dann soll Mujtaba entscheiden, ob er hier bleiben oder zu seiner Familie im Iran zurückkehren will.

An der Kölner Straße gefällt es ihm jedenfalls gut. Das sagt er zwar nicht auf Deutsch, aber er hebt schüchtern lächelnd den Daumen hoch. Das ist international gültig.

Quelle: RP
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