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Hückeswagen
Auch Gefangene haben Gefühle

Hückeswagen: Auch Gefangene haben Gefühle
Wer in einer Justizvollzugsanstalt - wie hier in Lüttringhausen - eine Haft absitzt, hat Redebedarf und freut sich in der Regel, wenn Ehrenamtliche ein offenes Ohr für seine Sorgen und Nöte hat. FOTO: Jürgen Moll (archiv)
Hückeswagen. Der Knastalltag ist hart. Deswegen brauchen Häftlinge jemanden zum Reden. Dafür werden stetig neue Ehrenamtliche gesucht. Die 67-jährige Eva Dieter ist eine von ihnen.  Von Laura Harlos

Eva Dieter verschließt ihre Jacke und Tasche im Schließfach und setzt zwei große Schritte durch den Sicherheitsdetektor. Das Licht leuchtet grün. Alles in Ordnung. Sie darf weiter gehen.

Die 67-Jährige kommt einmal in der Woche in die Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Vohwinkel. Als Ehrenamtliche führt sie Gespräche mit Gefangenen. Dabei redet die Rentnerin in erster Linie nicht selber - vielmehr hört sie zu. "Jeder braucht eine Person zum Reden", sagt Dieter, "selbst im Gefängnis sollten die Menschen nicht versauern."

Aber Häftlinge können sich doch mit anderen Insassen unterhalten. Warum braucht sie solche Gespräche? "Mit anderen Häftlingen gibt es nur zwei Themen: der nächste Verhandlungstermin und die Strafe", erzählt André Meier* (Name von der Redaktion geändert). Der 35-Jährige muss noch bis Ende Dezember seine Strafe in der JVA absitzen. "Hier im Knast setzt du eine Maske auf. Du gibst dir hier nicht die Blöße und redest über Gefühle - geschweige denn Emotionen zeigen. Das ist eine Überlebensstrategie, ansonsten gehst du hier unter."

André freut sich auf die Gespräche mit seiner Ehrenamtlichen. Er braucht sie. Er hat Redebedarf. "Einfach mal über seine Ängste sprechen, oder auch über Träume, die man nach der Haftzeit verwirklichen will", sagt er. Ein ganzes Jahr hat Andrés Mutter gebraucht, bis sie ihren Sohn das erste Mal im Knast besucht hat. Mit der neuen Situation kam sie nicht zurecht. "Andere Gefangene bekommen gar keinen Besuch, deswegen ist dieses Angebot so wichtig."

Die Nachfrage von Seiten der Gefangenen ist so hoch, dass ehrenamtliche Seelsorger gesucht werden. Der Katholische Gefängnisverein bereitet die Ehrenamtliche mit einem Orientierungskursus auf ihre Tätigkeit in den Justizvollzugsanstalten Remscheid und Wuppertal vor. Hier erfahren Interessierte, was sich genau hinter den Begriffen Anstalt, Juristerei und Beamtenarbeit verbirgt, auch Besuche in den Gefängnissen stehen auf dem Programm.

"Ehrenamtliche sollen vorab ein genaues Bild vom Umfeld und ihren Aufgaben bekommen", sagt Kurt Üellendahl, Vorsitzender des Katholischen Gefängnisvereins und Seelsorger in der JVA Vohwinkel. Nach sechs Kursterminen sollen die Teilnehmer entscheiden, ob sie sich der Aufgabe gewachsen fühlen. "Es ist wichtig, Distanz zu bewahren", erklärt Üllendahl, "nach einem Gespräch darf ich die Probleme und Sorgen des Häftlings nicht mit nach Hause nehmen."

Auch Eva Dieter machte sich anfangs darüber Sorgen, dass die Probleme Anderer sie nicht mehr in Ruhe lassen würden. "Ich habe es aber einfach ausprobiert und festgestellt, dass diese Gespräche mir helfen, weil sie anderen Menschen helfen." Nach jedem Besuch in der JVA bliebe ihr der Gedanke: "Zum Glück sitze ich nicht hier fest", sagt sie.

Rund 540 Inhaftierte leben aktuell in der JVA Vohwinkel. Anders als in der JVA Remscheid sitzen hier ausschließlich Menschen, die irgendwann wieder Teil der Gesellschaft werden sollen. "Gefangene müssen resozialisiert werden", sagt Üllendahl, "die Gespräche mit den Ehrenamtlichen helfen den Häftlingen, sozial aktiv zu bleiben und normale Unterhaltungen zu führen." Normalerweise dürfen Gefangene zweimal im Monat, jeweils eine Stunde, Besuch empfangen. Mit Ehrenamtlichen kann und darf das Gespräch durchaus länger dauern. Auch mehrmals im Monat.

"Alles hier hat seine feste Ordnung und ist an Zeiten gebunden", erzählt André, "es tut gut, wenn ich mich mit jemandem unterhalten kann, ohne ständig auf die Uhr schauen zu müssen."

Der nächste Orientierungskursus für das Ehrenamt startet am Mittwoch, 26. April. Anmeldungen werden bis zum 15. April unter der 0202/ 28052-14 oder per Mail an renate.szymczyk@caritas-wsg.de entgegengenommen.

Quelle: RP
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