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Hückeswagen
Brexit-Schock auch in der Schloss-Stadt

Hückeswagen. Großbritannien ist weit weg? Mitnichten! Auch auf Hückeswagen dürfte das Abstimmungsergebnis der Briten Auswir-kungen haben. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unserer Redaktion. Viele Gesprächspartner zeigten sich überrascht. Von Stephan Büllesbach

Graham Thomas ist Brite durch und durch. Auch wenn der Geschäftsführer des Golfclubs Dreibäumen bereits seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Doch nicht zuletzt der britische Akzent verrät ihn. Jetzt denkt er ernsthaft darüber nach, eine zweite Staatsangehörigkeit, die deutsche, anzunehmen. Denn mit diesem Abstimmungsverhalten seiner Landleute, die mit einer knappen Mehrheit für den Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) stimmten, habe er nicht gerechnet, sagt Thomas. "Ich bin schockiert!" Denn er denke europäisch.

Er selber hätte gegen den Brexit und für den Beibehalt der EU-Mitgliedschaft gestimmt - wenn er denn hätte abstimmen können. Aber britische Staatsangehörige, die länger als 15 Jahre im Ausland leben, dürfen nicht zur Wahl. Der Brexit habe nun Einfluss auf das Leben der Briten in Deutschland, ist er sich sicher. Denn als Nicht-(mehr)-EU-Bürger müssten sie sich um Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse kümmern. "Darüber habe ich bis jetzt noch gar nicht nachgedacht", gesteht Thomas, der schließlich von einem Verbleib Großbritanniens in der EU ausgegangen war. Nun könnte es sein, dass er neben der britischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt - seine Enkelin ist bereits Deutsche. Thomas: "Ich hatte gedacht, das Land würde vernünftig. Ist es leider nicht."

Die auch für Hückeswagen zuständige Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Köln geht angesichts des Brexits davon aus, dass es mittelfristig zu Mehrkosten beim Warenverkehr mit der regionalen Wirtschaft kommen wird. "Besonders die Chemie-, Pharma- und Automobilbranche ist durch rege Handelsbeziehungen zu Großbritannien betroffen", sagt Alexander Hoeckle, Geschäftsführer International. Kurzfristig sei zu befürchten, dass der Absatz deutscher Produkte in Großbritannien schwächer werde. In den nächsten zwei Jahren werden die Handelsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich neu geregelt. "In dieser Phase ist mit einer Investitionszurückhaltung auf beiden Seiten zu rechnen."

Ähnlich Thomas reagiert auch Friedhofsgärtner Oliver Platt (41). Der britische Staatsangehörige sagt: "Auf gut deutsch gesagt habe ich zuerst gedacht, dass das alles Idioten sind." Er ist sich sicher, dass Großbritannien mit dieser Entscheidung nicht glücklich werden wird: "Das war ein Schritt in die falsche Richtung." England verliere eine starke Gemeinschaft, seien doch die Vorzüge der EU nicht von der Hand zu weisen.

Welche Auswirkungen der Brexit auf die Wirtschaft in Hückeswagen haben wird, kann Bürgermeister Dietmar Persian noch nicht abschätzen. "Das Ganze ist aber eine traurige Entwicklung", betont er. Er selber habe es erlebt - seine Tochter hat in England studiert -, wie toll offene Grenzen seien. Das Abstimmungsergebnis habe aber mit Sicherheit einen Hallo-Wach-Effekt: "Jetzt muss überlegt werden, wie sich die EU verändern muss."

Für SPD-Fraktionschef Hans-Jürgen Grasemann ist das Ergebnis "ein Schlag ins Kontor. Damit habe ich absolut nicht gerechnet." Nun befürchtet er, dass in der EU eine Erosion beginnt, sich also weitere Länder für den Ausstieg entscheiden. Grasemann geht davon aus, dass der Brexit "auf jeden Fall" Auswirkungen haben wird auf die Unternehmen in der Schloss-Stadt.

Soweit will CDU-Fraktionschef Christian Schütte nicht gehen: "Ich sehe vorerst keine dramatische Entwicklung für Hückeswagen." Gleichwohl ist auch er über die Entscheidung der Briten nicht glücklich. "Da ist ein Volk einigen Aufwieglern aufgesessen, die hanebüchene Argumente ins Feld geführt haben", sagt Schütte.

Kunden in Großbritannien hat die Firma allomess aus dem Gewerbegebiet Winterhagen-Scheideweg zwar nicht. Daniel Hess, geschäftsführender Gesellschafter, hält den Brexit dennoch wirtschaftlich für bedenklich. "Wir brauchen eine große Gemeinschaft. Doch wenn alle wegen Kleinigkeiten ausscheren, ist das Ziel verfehlt." Die Briten hätten eine andere Grundeinstellung: "Sie glauben, sie haben Europa nicht nötig."

Die Geschäftsleitungen von Pflitsch und GKN Sinter Metals - ein britisches Unternehmen, das An der Schlossfabrik eine Pulvermühle betreibt - wollten keine Stellungnahme abgeben. Bei Hückeswagens größtem Arbeitgeber, der Firma Klingelnberg, war die Geschäftsführung nicht zu erreichen.

Quelle: RP
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