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Hückeswagen
Die "Wichsdose" braucht neue Besitzer

Hückeswagen: Die "Wichsdose" braucht neue Besitzer
% Die Gaststätte Gerhards um das Jahr 1890. FOTO: Archiv: E. Gerhards
Hückeswagen. Nach mehr als 150 Jahren im Familienbesitz will Edith Gerhards das Haus Bachstraße 29 schweren Herzen verkaufen. Es ist eines der ältesten Häuser der Schloss-Stadt und alten Hückeswagenern noch bekannt als Gaststätte "Wichsdose". Von Stephan Büllesbach

Fahren die Autofahrer heutzutage an die Tankstelle, um ihre Fahrzeuge aufzutanken und vielleicht auch noch Getränke und Snacks zu kaufen, übernahmen das zu früheren Zeiten die Huf- und Wagenschmieden. Als der Transport von Menschen und Waren noch auf Pferdefuhrwerke angewiesen war, steuerten die Fuhrleute die Schmieden entlang der (wenigen) Straßen an, die in der Regel gleichzeitig auch Schankwirtschaften waren. Anlaufpunkt an der Bachstraße war das viele Jahrzehnte lang das Haus und die daneben liegende Schmiede der Familien Benscheid und Gerhards.

Schon die Ururgroßeltern von Edith Gerhards, der heutigen Besitzerin, lebten 1864 dort. Urkundlich erwähnt wurde das Haus Bachstraße 29 bereits 1828. Aber die Geschichte des wohl ältesten Hauses an der Bachstraße reicht sogar noch einige Jahrhunderte weiter zurück: Hier soll einst das Fischerhaus gestanden haben, von dem aus die Schlossherren im Grafenschloss oberhalb der Bachstraße mit frischen Forellen aus dem Brunsbach beliefert worden sein sollen. Im Jahr 1651 erhielt Johann Fomm die Konzession für eine Walkmühle, die spätere Textilfabrik Fomm. Im dortigen Erdgeschoss soll die erste Dampfmaschine der Stadt gestanden sein. Das angrenzende Fabrikgebäude wurde 1910 bei einem Brand zerstört, das Haus Bachstraße 29 - inzwischen im Besitz der Familie Gerhards - blieb unversehrt.

( Das Haus Bachstraße 29 heute, in dem bis vor wenigen Jahren das "Weinkabinett" untergebracht war. FOTO: Stephan Büllesbach

Die Vorfahren Edith Gerhards lebten in dem Anwesen bereits seit 1838 und hatten dort eine Schmiede; Gustav Benscheid kaufte es 1862 vom Schneidermeister vom Stein und richtete im Haus Bachstraße 29 die Gaststätte Benscheid ein. 1918 übernahm sein Schwiegersohn Hermann Gerhards, der Schmiede und Lokal wiederum an seinen Sohn Walter Gerhards, ebenfalls Schmied, weitergab. Von ihm stammen viele Kunstschmiedearbeiten im und am Haus sowie im Stadtgebiet.

Lange Zeit hieß die Gaststätte nach ihren Besitzern - also Benscheid und später Gerhards. 1957 aber erhielt sie ihren markanten Namen "Wichsdose", wogegen sich Walter Gerhards lange Zeit gewehrt hatte. Doch seine Gäste nannten sein Lokal nur "Wichsdose", weil der Schankraum so klein und schmal war ein eine Dose Pferdeschmiere. Und so gab er schließlich klein bei, nannte die Gaststätte um und ließ sogar eine entsprechende Leuchtreklame über den Eingang setzen. Nach seinem Tod übernahm seine Frau Carola Gerhards die "Wichsdose", die sie schließlich 1982 schloss.

FOTO: Moll Jürgen

Als die beliebte Wirtin 2002 starb, erbte ihre Tochter das Haus. Zusammen mit ihrem Mann Dr. Axel Bornkessel - beide sind hauptberufliche Journalisten - Betrieb sie in den ehemaligen Gaststättenräumen einen Weinhandel, nachdem dort eine Zeit lang eine Fußpflege-Praxis und ein Getränkehandel eingezogen waren. "Wir wollten die Räume in ihrem ursprünglichen Sinn nutzen", erzählt die 63-Jährige.

Doch nun will das Ehepaar das Haus verkaufen; das "Weinkabinett" ist schon seit Dezember 2013 geschlossen, Wein verkaufen Gerhards und Bornkessel nur noch an Stammkunden. Ende vorigen Jahres reifte die Entscheidung, einen Käufer zu suchen. "Für uns ist das sinnvoll", betont Edith Gerhards. Denn das Haus Bachstraße 29 nutzen sie und ihr Mann, die ihren Hauptwohnsitz in Köln haben, lediglich als eine Art Wochenendhaus.

Einfach, sich von ihrem Elternhaus zu trennen, ist das für die 63-Jährige nicht. Nicht nur wegen der vielen Erinnerungen, auch wegen der aufwändigen und denkmalschutzgerechten Sanierung des Inneren. "Für die Optik des Hauses sind zum Beispiel die Sprossenfenster wichtig" , erläutert sie. Schließlich sollte sein Charakter bewahrt werden. Für die Böden wurden ausschließlich Naturmaterialien verwandt. Ganz aus Hückeswagen zurückziehen wollen sich Edith Gerhards und Axel Bornkessel, die beide dem Vorstand des Freundeskreises der Stadtbibliothek angehören, nicht. "Wir werden uns auch weiterhin in der Hückeswagener Kulturlandschaft engagieren", verspricht die 63-Jährige.

Quelle: RP
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