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Hückeswagen
Ein Ersthelfer als Lebensretter

Hückeswagen: Ein Ersthelfer als Lebensretter
Sinasi Ucar zeigt von seinem Balkon aus auf die Unfallstelle. Er wartete 30, 40 Sekunden - dann lief er auf die Straße und half dem Kind. FOTO: stephan büllesbach
Hückeswagen. Sinasi Ucar rettet durch sein beherztes Eingreifen am 15. Oktober offenbar einer Sechsjährigen das Leben nach einem schweren Unfall auf der Wiehagener Straße. Der 43-Jährige rät allen, in einer Unfallsituation beherzt einzugreifen. Von Stephan Büllesbach

Zwei kleine Mädchen haben bei Sinasi Ucar in diesem Jahr und wohl auch in Zukunft einen besonderen Platz in seinem Herzen. Am 7. September wurde seine Tochter Elifnaz geboren. Etwa fünf Wochen später rettete er einem Mädchen, das auf der Wiehagener Straße in ein Auto gelaufen war, das Leben, in dem er die Zunge aus ihrem Rachen zog.

Es ist Sonntag, 15. Oktober. Ein traumhaft schöner Herbsttag mit strahlendblauem Himmel. Der 43-jährige Türke steht auf dem Balkon seiner Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses an der Sperberstraße. Der liegt zur Wiehagener Straße hin. "Ich habe drei Mädchen gesehen, die auf dem Bürgersteig gingen", erzählt der gelernte Anlagemechaniker, der momentan bei einem Kölner Sicherheitsdienst beschäftigt ist. Ein Kind sei plötzlich auf die Straße gelaufen. In Richtung Hückeswagen war zu diesem Zeitpunkt ein Autofahrer unterwegs. "Der ist, weil das Mädchen auf die Straße gelaufen war, schon langsamer gefahren", sagt Ucar. Das Auto sei höchstens 30 Kilometer pro Stunde schnell gewesen.

An der Wiehagener Straße ereignete sich der schwere Unfall. FOTO: büba

Doch dann hatte sich die Sechsjährige von der Hand des dritten Mädchens losgerissen und sei hinter dem anderen her- und auf die Straße gelaufen - der Autofahrer konnte trotz Vollbremsung den Zusammenstoß nicht mehr verhindern. Ucar hatte den Unfall genau gesehen. "Ich habe dann vielleicht 30, 40 Sekunden gewartet", erzählt er. Dann sei er auf die Straße gelaufen, weil sich das angefahrene Kind nicht rührte.

An der Unfallstelle sah der mittlerweile 43-Jährige, dass das Mädchen ernsthaft verletzt war. Denn zum einen blutete es aus dem Ohr, zum anderen atmete es nicht. Im Alter von zehn Jahren war Ucar in die Feuerwehr der Gemeinde Reichshof eingetreten, in der er bis Mitte 30 aktiv war, ehe er zunächst nach Bergneustadt und im September nach Hückeswagen zog. Bei der Feuerwehr erhielt er eine spezielle Ausbildung zum Sanitätshelfer. "Und an jedem ersten Sonntag im Monat war Übung, bei der wir mit Erste Hilfe begonnen haben", erinnert er sich. Das sei wichtig gewesen, damit die Handgriffe im Ernstfall aus dem Effeff beherrscht werden können.

Solche Notfälle hat der Türke schon mehrfach erlebt. So habe er seinem Vater, der zwei Herzinfarkte hatte, bereits geholfen. Ebenso einem Besucher aus Belgien, dessen zusammengewachsene Aorta und Speiseröhre bei einem Niesanfall geplatzt war. Nach dessen Zusammenbruch leistete Ucar Erste Hilfe bis zum Eintreffen der Rettungssanitäter und rettete dem Mann wohl das Leben. Bei einem Unfall auf der A 1 bei Bremen kam seine Hilfe allerdings zu spät - der Autofahrer starb.

Mitte Oktober konnte der Wiehagener seine Fähigkeiten aber erfolgreich einsetzen. "Weil das Mädchen aus dem Ohr blutete, bin ich von Kopfverletzungen ausgegangen", erzählt er. Daher habe er nicht, wie das ansonsten üblich ist bei der Ersten Hilfe, den Kopf überstreckt. Vielmehr habe er in den Rachen des Mädchens gegriffen und die Zunge, die durch die Bewusstlosigkeit schlaff dort hineingerutscht war, hervorgezogen. "Dann hat es wieder geatmet", sagt Ucar. Dem Rettungsdienst konnte er am Handy eines Passanten entsprechende Hinweise geben, und er riet, gleich den Rettungshubschrauber anzufordern.

Der Türke appelliert an jeden, der in eine solche Unfallsituation gerät, beherzt einzugreifen. Er weiß zwar, dass viele sich nicht an die Erste Hilfe trauen. "Aber eigentlich kann man nichts falsch machen", betont er. Erste Hilfe bedeute nicht, etwa eine Bluttransfusion zu legen, auch müsse nicht immer die verschluckte Zunge hervorgeholt werden. Aber schon kleine Dinge könnten helfen - etwa den Notarzt alarmieren und ihn über die Situation am Einsatzort informieren. Oder Zuschauer entweder zur Hilfe animieren, sie vom Unfallort oder vom Filmen mit dem Smartphone fernhalten. "Niemand macht sich bei Erster Hilfe strafbar", versichert er. Deswegen sollte man sich nicht wegducken.

Die Sechsjährige war nach der Versorgung durch den Notarzt mit dem Hubschrauber, der auf einer Rasenfläche zwischen Wiehagener und Blumenstraße gelandet war, in eine Kölner Klinik geflogen worden, wo sie umgehend operiert wurde. "Ich habe zwei Tage später Angehörige des Mädchens getroffen", sagt der Ersthelfer. "Die berichteten mir, dass es ihm gut gehe."

Eine Woche nach dem Unfall bestätigte das dann der Vater der Sechsjährigen. Ohne die Erste Hilfe von Sinasi Ucar hätte das Kind womöglich nicht überlebt.

Quelle: RP
 
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