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Hückeswagen
"Es ist so schön, dass uns geholfen wird"

Hückeswagen: "Es ist so schön, dass uns geholfen wird"
Die Hückeswagener Wanderfreunde spendeten 437,50 Euro. Von dem Geld schaffte die Ehrenamtsinitiative "Weitblick" Lehrmaterial an, das gestern in der Stadtbücherei an der Friedrichstraße präsentiert wurde. FOTO: Nico Hertgen
Hückeswagen. Flüchtlinge können in Hückeswagen Deutsch lernen: Die Ehrenamtsinitiative "Weitblick" bietet Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene an. Mit dem Erlös der Bergischen Wanderwoche wurden nun Materialien für den Unterricht angeschafft. Von Wolfgang Weitzdörfer

Praktisch jeden Tag treffen zurzeit unsägliche Meldungen ein: Aus Heidenau oder Freital in Sachsen wird von Demonstrationen vor Flüchtlingseinrichtungen berichtet. Aus Baden-Württemberg von Brandanschlägen gegen für Flüchtlinge vorgesehene Gebäude. Wie schön ist es da, was Gegensätzliches berichten zu können, nämlich vom ehrenamtlichen Helfen und von der Aufnahme jener Menschen, die aus Not, Krieg und Armut in die Fremde fliehen und dort ihr Leben neu beginnen müssen; in der Schloss-Stadt eine Art Neustart für ihr ganz eigenes Lebenssystem vornehmen müssen. Etwa, indem sie die Sprache des Landes lernen, in das sie geflohen sind.

Die Ehrenamtsinitiative "Weitblick" bietet hierfür Deutschkurse an, vom Alphabetisierungskurs für Menschen etwa aus dem arabischen Raum oder aus Serbien, wo in der Regel das kyrillische Alphabet verwendet wird, bis hin zu Fortgeschrittenenkursen, bei denen dann auch Unterhaltungen geübt werden. Dieser Initiative haben die Hückeswagener Wanderfreunde jetzt einen großen Teil des Erlöses der diesjährigen Bergischen Wanderwoche (30. Mai bis 7. Juni) gespendet. "Mit den 437,50 Euro konnten Flipchart- und Druckerpapier sowie Druckerpatronen und Lehrmaterial angeschafft werden", erklärte Angela Tietz, eine der ehrenamtlichen Deutschlehrern, in der Stadtbücherei an der Friedrichstraße, in der die Materialien präsentiert wurden. "Wir Lehrer haben uns zusammengesetzt und überlegt, was wir dringend brauchen", sagte Tietz weiter. Dabei seien die unterschiedlichen Unterrichtsarten der meist pensionierten Lehrer berücksichtigt worden - der eine schreibt lieber auf die Tafel, der andere nutzt die Flipchart und der dritte das ausgedruckte Arbeitsblatt.

Derzeit sind von den etwa 120 Flüchtlingen in Hückeswagen 23 regelmäßig in den Deutschkursen von "Weitblick": "Natürlich muss man aber immer die Geschichte berücksichtigen, die die Menschen hinter sich haben", sagte Margareta Coenen, Standortlotsin bei der Ehrenamtsinitiative. Seine Geschichte hat den 17-jährigen Omar al Amin aus der syrischen Hauptstadt Damaskus allerdings nicht davon abgehalten, Deutsch lernen zu wollen. Der junge Mann ist seit drei Monaten in Deutschland, seit zwei Monaten in Hückeswagen und spricht nur Englisch. "Ich muss Deutsch lernen, ich muss meine Kurse absolvieren. Ich bin mit dem Schiff von der Türkei aus nach Griechenland gekommen, habe dort siebenmal versucht, weiter nach Deutschland zu kommen - und es nun endlich geschafft. Mein kleiner Bruder ist noch in Syrien. Ich will ihn nachholen, wenn ich einen deutschen Pass habe. Dazu muss ich aber Deutsch können", sagte der 17-Jährige. Dejidamaa Bayar aus der Mongolei sagt: "Nicht Englisch reden, alles auf Deutsch!" Die 46-jährige Tochter eines Chinesen und einer Russin ist vor der Armut in ihrer Heimat geflohen und seit etwa 15 Monaten hier. Sie ist von den Deutschkursen und der Hilfsbereitschaft angetan: "Es ist so schön, dass uns geholfen wird." Coenen sagt, dass man nicht alle Flüchtlinge mit dem Angebot erreichen könne. "Das Beispiel der Ehrenamtsinitiative zeigt aber, dass in der Schloss-Stadt die Willkommenskultur gelebt wird, die anderswo abzugehen scheint."

Quelle: RP
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