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Hückeswagen
Flucht aus Homs endet in Maisdörpe

Hückeswagen: Flucht aus Homs endet in Maisdörpe
Geflohen vom Bürgerkrieg in Homs hat die syrische Familie Al Saleh auf dem Glöckner-Hof in Maisdörpe ein neues Zuhause gefunden (v. l.): Aseel (5), Nawar Al Saleh (45), Lama Al Hasan (37), Abir (13) und Adnan (10). FOTO: J. Moll
Hückeswagen. Die fünfköpfige Familie Al Saleh ist vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Syrien geflohen. Jetzt wohnt sie bei der Familie Glöckner in Maisdörpe. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt sie von ihrer Flucht und ihrem neuen Leben. Von Wolfgang Weitzdörfer

Es ist ein kleines Wunder, wie gut Kinder mit Extremsituationen umgehen können. Zumindest bekommt man den Eindruck, wenn man die Familie Al Saleh in Maisdörpe besucht. Seit fünf Monaten lebt sie in Hückeswagen, hinter ihr liegt aber eine abenteuerliche und gefährliche Flucht. Diese hat sie etwa einen Monat lang von ihrer Heimatstadt Homs in Syrien über die Türkei, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich schließlich in eine Flüchtlingseinrichtung in Hämmern geführt.

Jetzt sitzen die Fünf am Esstisch in einer Wohnung der Familie Glöckner in Maisdörpe nahe des Golfplatzes Dreibäumen. Es ist früher Abend, die fünfjährige Aseel ist müde und schläft ein. Die 13-jährige Abia und ihr zehnjähriger Bruder Anan erzählen viel. Von ihrem neuen Leben in Deutschland, aber auch von der Flucht. Dabei lachen sie häufig. Vielleicht hat der Schrecken weniger Bedrohlichkeit, wenn man ihn einfach weglacht.

Vielleicht überwiegt aber auch das Glück, der ständigen Angst in der Heimat entkommen zu sein. Vater Nawar Al Saleh (45) und seiner Frau Lama Al Hasan (37) sind zwar auch die Erleichterung anzumerken, jedoch spürt man durchaus, was sie durchgemacht haben. Dafür, dass sie noch kein halbes Jahr in Deutschland sind, spricht die Familie bemerkenswert gut Deutsch, eine fließende Unterhaltung ist problemlos möglich.

"In Syrien war alles furchtbar schwer, die ständigen Bomben, die Angst", erzählt Nawar Al Saleh, der Zahnarzt ist und in Homs zuletzt im Krankenhaus gearbeitet hatte. Als es immer unsicherer und gefährlicher wurde, beschloss die Familie, zu fliehen. "Wir sind zuerst in die Türkei, dort durfte ich aber nicht arbeiten", erklärt der 45-Jährige, der seiner jüngsten Tochter immer wieder über den Rücken streichelt. Da hätten sie beschlossen, nach Deutschland zu gehen: "Das Haus war kaputt, das Auto, wir haben alles zurückgelassen", sagt der Syrer.

Nach Deutschland ist die Familie mit einem festen Ziel gekommen: "Wir wollen Deutsch lernen, wir möchten hier bleiben und arbeiten", sagt die 13-jährige Abia, die momentan die Montanusschule besucht, aber gerne so bald wie möglich auf die Realschule möchte. "Dazu muss mein Deutsch aber noch besser werden", fügt sie an. Mutter Lama lernt Deutsch in Kursen in der Stadtbibliothek. Zu Hause wird zwar auch noch Arabisch gesprochen. "Aber oft kommt es vor, dass meine Eltern auf Arabisch eine Frage stellten und wir Kinder dann auf Deutsch antworten", erzählt Abia lachend. Ihr jüngerer Bruder besucht die Grundschule in Wiehagen und fühlt sich dort sehr wohl: "Ich habe schon viele Freunde gefunden", erzählt Anan.

Nach einer Zwischenstation in Wiehagen kam die Familie Glöckner auf den Vater zu: "Sie haben uns angeboten, bei ihnen eine Wohnung zu beziehen. Wir sind so dankbar dafür. Die Familie Glöckner ist unsere neue Familie!", betont der 45-Jährige. Ihr erstes Weihnachtsfest und den Jahreswechsel in Deutschland haben die Al Salehs in ihrer Wohnung gefeiert. "In Syrien haben wir auch Weihnachten gefeiert, mit Geschenken. Neujahr wird ein wenig anders gefeiert, aber auch dort gingen die Leute auf die Straße zum Feiern", sagt Lama Al Hasan - und fügt an: "Vor dem Krieg."

Trotz der schlimmen Erinnerungen ist die Stimmung am Tisch gelöst, geradezu fröhlich. Auch wenn die beiden älteren Kinder von den Fluchterlebnissen erzählen, sieht man es in den Augen blitzen: "Wir sind mit einem kleinen Boot in die Türkei gekommen, das ist im Wind und von den Wellen ziemlich heftig durchgeschaukelt worden", erzählt Adnan. Seine große Schwester berichtet davon, wie sie drei Nächte im Wald schlafen mussten: "Wir hatten Angst vor Schlangen, hatten Hunger, hatten Durst. Es war ein schlimmer Monat." Aber einer, der die Familie umso fester zusammengeschweißt hat. Und Dankbarkeit geschaffen hat.

"Ich möchte mich noch einmal bei der Familie Glöckner bedanken - und bei Deutschland", betont Nawar Al Saleh.

Quelle: RP
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