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Ansichtssache
Gute Nachrichten aus dem Schloss, schlechte von der Grünestraße

Ansichtssache: Gute Nachrichten aus dem Schloss, schlechte von der Grünestraße
FOTO: Moll Jürgen
Hückeswagen. Diese Woche birgt reichlich Gesprächsstoff. So sollen Kölner Studenten mithelfen, ein zukunftsfähiges Konzept für die Stadtbibliothek zu entwickeln. Die letzten drei Wochen der Gaststätte Hager an der Grünestraße haben begonnen. Und gestern stellten Bürgermeister und Kämmerin den Haushaltsentwurf für 2018 vor. Von Stephan Büllesbach

Es ist gute Tradition, dass sich Politik und Verwaltung nach der letzten Ratssitzung im Jahr zu einer adventlich gestimmten Feier im Heimatmuseum treffen. So auch gestern Abend. Das zeigt, dass alle Beteiligten trotz mitunter unterschiedlicher Meinungen zu wichtigen Themen (wie etwa der Schul-Zukunft) gewillt sind, gemeinsam das Beste für Hückeswagen zu erreichen. Damit ist Hückeswagen in den vergangenen Jahren immer gut gefahren, und an dieser Haltung sollte sich - bei aller möglichen Diskrepanz in der Sache - auch in Zukunft nichts ändern.

Die Haushaltszahlen vor allem für dieses Jahr, aber auch der Ausblick auf die kommenden Jahre lassen zumindest einen leichten Optimismus zu, dass es der Schloss-Stadt in absehbarer Zeit finanziell wieder besser gehen wird. Die Stadtverwaltung tut nach Kräften das Ihrige. Es darf aber auch nicht allzu viel Unvorhergesehenes passieren, was den Haushalt wieder tiefer in den roten Bereich abrutschen lässt. Der Bürgermeiste wird nicht müde, Bund und Land an ihre finanzielle Fürsorgepflicht den Kommunen gegenüber zu erinnern. Doch es ist zu befürchten, dass deren Klagen in Berlin und Düsseldorf auch weiterhin größtenteils überhört wird.

Ein wichtiges Haushaltsthema ist seit 2015, als sich die Ratsmehrheit für das Haushaltssicherungskonzept entschied, auch die Stadtbibliothek. Stand deren Existenz doch zunächst auf der Kippe. Allerdings sind die Pläne, sie 2020 zu schließen, vorerst ad acta gelegt. Stattdessen versucht die Stadtverwaltung nach dem altersbedingten Ausscheiden von Leiterin Beate Breidenbach im August, mit ehrenamtlichen Kräften und hauptamtlicher Unterstützung des Wipperfürther Bibliotheksleiters zurechtzukommen. Das scheint bislang gut zu funktionieren.

Dennoch muss an einer professionellen Aufstellung gearbeitet werden. Dafür hat sich die Stadt Dr. Tom Becker von der Technischen Hochschule Köln ins Boot geholt. Zusammen mit Studenten will er bis zum Sommer 2018 Modellvarianten einer Kooperation oder Fusion mit der Wipperfürther Stadtbücherei aufzeigen. Becker machte aber deutlich, dass auch das Geld kosten wird. So müssten zumindest die ehrenamtlichen Kräfte weiter qualifiziert werden. Sogar die Anstellung einer Halbtagskraft ist bei ihm kein Tabu.

Und noch einen interessanten Aspekt sprach Becker an: Die Stadtbibliothek müsse in Zukunft ein Treffpunkt werden. Auch das sei wichtig fürs Überleben. Exakt das hatte die Stadtverwaltung geplant: Im Frühjahr 2016 hatte sie das Konzept des "Integrative Bildungs- und Kulturzentrums Historische Bibliothek" vorgestellt. Die Bücherei an der Friedrichstraße sollte von einer nicht mehr zeitgemäßen Präsenz-Bücherei in einen "Ort der Begegnung" umgewandelt werden. Der Haken bei der Sache: Zwar wäre das Projekt mit 70 Prozent vom Land bezuschusst worden, die Stadt hätte aber einen Eigenanteil von 630.000 Euro aufbringen müssen. Auch waren dafür zwei neue Sozialarbeiterstellen vorgesehen. Die Politik entschied sich aus Kostengründen mehrheitlich gegen das Projekt. Doch ihr muss klar sein: Soll die Stadtbibliothek erhalten werden, wird das nicht zum Nulltarif möglich sein. Auch wenn so mancher Politiker davon vielleicht träumen mag.

Für viele, vor allem ältere Hückeswagener dürfte das die traurigste Nachricht in dieser Woche gewesen sein: Ulla und Inge Hager schließen ihre Gaststätte an der Grünestraße, die seit rund 150 Jahren und in fünf Genaration von der Familie betrieben worden war. Nach dem Hotel zur Post im vorigen Jahr fällt zum Jahresende ein weiteres Stück Stadtgeschichte dem Zeitgeist zum Opfer. Lokale sind heutzutage einfach nicht mehr so gefragt wie noch etwa vor zehn, 20 oder 50 Jahren. Das hat viele Gründe. Die Jugend trifft sich dort seltener, weil sie andere Interessen hat - als Schlagwörter mögen Smartphone und Internet ausreichen. Und die mittelalte und ältere Generation? Ihre Treffpunkte werden zunehmend die Cafés, von denen es auch in Hückeswagen reichlich gibt. Denn auch bei ihnen hat sich etwas Gravierendes verändert: Gingen früher hauptsächlich die Männer in die Kneipen zu einem Feierabendbier oder zum Frühschoppen, sind inzwischen die Paare gemeinsam unterwegs. Und da ist es - nicht nur, aber vor allem - für die Frauen in einem Café deutlich angenehmer.

Übrigens: Noch bis Jahresende haben die Hager-Schwestern ihr Lokal an der Grünestraße geöffnet. Es ist also noch ein wenig Zeit, etwa bei Kartoffelsalat oder einem bergischen Frühstück Abschied zu nehmen von einem Stück Hückeswagener Gastronomiegeschichte.

Quelle: RP
 
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