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Menschen in Hückeswagen
Talibé hofft auf eine Dachdeckerlehre nach seiner Flucht

Hückeswagen: Junger Mann auf Guinea hofft auf eine Lehrstelle
Als 13-Jähriger flüchtete Talibé Barry aus seinem westafrikanischen Heimatland Guinea - sein Vater war tot, die Mutter mit der Schwester geflüchtet. Seit 2015 lebt er in Deutschland, seit einem Jahr wird er von der Gotteshütte betreut. FOTO: Weitzdörfer
Hückeswagen. Talibé Barry ist als 13-Jähriger aus seiner Heimat Guinea geflohen. Seit einem Jahr lebt er in einer Einrichtung der Gotteshütte in Hückeswagen. Seine Hoffnung ist nun, im August eine Dachdeckerausbildung beginnen zu können. Von Wolfgang Weitzdörfer

Manchmal ist es schwer, die Hoffnung in diese Welt nicht ganz zu verlieren. Etwa dann, wenn man Geschichten hört wie die des gerade einmal 18 Jahre alten Talibé Barry aus Guinea. Der junge Mann lebt seit einem Jahr in der Schloss-Stadt in einem Wohnprojekt des Jugend- und Sozialwerks Gotteshütte. Zuvor war er in Wipperfürth, die Gotteshütte kümmert sich dort um Jugendliche mit dem Schwerpunkt Traumatherapie.

Dass Barry auf seinem Weg nach Deutschland traumatische Erlebnisse hatte, wird im Gespräch sehr schnell klar. Vor allem, als der junge Mann von der Überfahrt in einem Gummiboot von Marokko nach Spanien erzählt: "Wir waren 19 Menschen, zwei von ihnen sind auf dem Meer ertrunken. Das Boot kenterte, die beiden konnten nicht schwimmen. Und als wir vom Roten Kreuz gerettet wurden, waren sie schon tot", berichtet der 18-Jährige.

Die Odysee dauerte zwei Jahre

Nein, sagt er weiter, er habe damals keine Hoffnung gehabt - weder nach Europa zu kommen, geschweige denn nach Deutschland. Da dauert seine Odyssee aus Afrika bereits viele Monate: "Insgesamt war ich zwei Jahre unterwegs. Ich war 13 Jahre alt, als ich aus meiner Heimat weg musste."

Barry ist das Kind aus einer Beziehung, die von Anfang an nicht unter einem guten Stern stand. Die Mutter ist aus dem Senegal, der Vater aus Guinea. "Die beiden haben sich geliebt, auch wenn es viel Gewalt von meinem Vater gegen meine Mutter gab. Sie durften aber nicht heiraten, weil die Eltern meiner Mutter dagegen waren", erzählt der 18-Jährige. Die Mutter habe einen Fluchtversuch mit den Kindern - Barry hat noch eine Schwester - in Richtung des Senegal unternommen. Der sei gescheitert. In der Folge habe es noch mehr Gewalt des Vaters gegen die Mutter gegeben: "Aber sie hat sich gewehrt, hat meinen Vater mit einem Holzscheit geschlagen", sagt Barry.

Zwei Tage später ist der Vater tot, die Mutter mit der Schwester geflohen. Der 13-Jährige steht alleine da - und muss ins Gefängnis. "Die Polizisten haben aber schnell herausgefunden, dass ich nichts damit zu tun hatte", sagt Talibé.

Zwei Monate bleibt er im Gefängnis - zu seinem eigenen Schutz, wie er weiß: "Sie haben mich vor meinen Großeltern väterlicherseits beschützt. Denn die hätten mich umbringen lassen, wenn sie meiner hätten habhaft werden können." Sie hätten ihn und seine Schwester nie akzeptiert - weil sie uneheliche Kinder seien. Mit Hilfe eines Mitinsassen plant der damals 13-Jährige seine Flucht. "Ich wusste nicht, wohin ich sollte. Ich wusste nur, dass ich nicht in Guinea bleiben konnte", erzählt er nüchtern.

Barry lebt einige Monate in einer Art Heim bei einem Koranlehrer an der Grenze zu Mali. Dann geht er über die Grenze, arbeitet für seinen Lebensunterhalt, bis es ihn weitertreibt, diesmal nach Algerien. "Ich dachte, vielleicht kann ich dort die Schule besuchen, aber die wollten mich auch nicht", sagt der 18-Jährige. Weiter geht es Richtung Norden, nach Marokko. Dort gibt es keine Arbeit, er lebt von Almosen. Dann die Chance, auf einem Boot nach Europa überzusetzen. "Wir wussten, dass es gefährlich ist. Es war aber die einzige Alternative", sagt Talibé.

In Talibé wächst die Hoffnung nur langsam

Wenn man diese Geschichte hört, fragt man sich, wie das Kind es geschafft haben kann, sich unverletzt bis nach Dortmund durchzuschlagen. "Das Problem war in Afrika. Von Spanien bis Dortmund war es dann einfach", sagt er und lächelt. Überhaupt, Talibé lächelt viel. Er fühlt sich wohl in Deutschland, in Hückeswagen. Er lernt viel, war im Berufskolleg in Wipperfürth beim Sprachkursus, macht derzeit ein Berufsqualifizierungsjahr des Arbeitsamts als Dachdecker. Der Hückeswagener Betrieb von Frank Riemer hat dem jungen Mann eine Chance im Praktikum gegeben. "Ich kann nach dem Berufsqualifizierungsjahr meine Ausbildung dort machen. Meine große Hoffnung ist, dass mein Asylverfahren positiv beschieden wird", sagt er - eine Ablehnung hat es bereits gegeben. Im Mai ist die nächste Anhörung.

Guinea ist faktisch ein autokratischer Staat

Der westafrikanische Staat grenzt an die Staaten Elfenbeinküste, Mali, Senegal, Guinea-Bissau, Liberia und Sierra Leone. Die Hauptstadt ist Conakry. Bewohner In dem Land leben etwa elfeinhalb Millionen Menschen, von denen etwa 60 Prozent auf dem Land leben.

Das Land wurde im Jahr 1958 von der französischen Kolonialmacht unabhängig, ist offiziell eine Demokratie, faktisch aber ein autokratischer Staat. Trotz zahlreicher Bodenschätze lebt der Großteil der Bürger in Armut.

Quelle: RP
 
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