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Iris Kausemann
"Man muss die Feiertage immer hinterfragen"

Iris Kausemann: "Man muss die Feiertage immer hinterfragen"
Iris Kausemann vor der Geschäftsstelle des Vereins "Bergische Zeitgeschichte" in Hückeswagen. Sie appelliert an die Menschen, Erinnerungen wach zu halten und sich mit den Hintergründen von Feiertagen zu beschäftigen. FOTO: weitzdörfer
Hückeswagen. Für Iris Kausemann vom Verein "Bergische Zeitgeschichte" (BZG) hat der "Tag der Deutschen Einheit" morgen eine wichtige Bedeutung.

bergisches land Iris Kausemann ist Diplom-Archivarin und Vorsitzende des Vereins Bergische Zeitgeschichte (BZG). Im Interview spricht sie über die persönliche Bedeutung des Tags der Deutschen Einheit und die Bedeutung von Erinnerung für die kulturelle Identität einer Nation.

Frau Kausemann, welche Bedeutung hat für Sie persönlich der Tag der Deutschen Einheit?

Kausemann Ich habe als Diplom-Archivarin ja einen gewissen geschichtswissenschaftlichen Hintergrund. Ich bin Jahrgang 1968, und man ist damals mit dieser Teilung in Deutschland aufgewachsen. Zu Weihnachten haben wir etwa immer Pakete an Verwandte in der DDR verschickt, damit bin ich groß geworden. Persönlich bin ich dann von dem Fall der Mauer - und damit der Wiedervereinigung - etwas überrascht worden. Ich hatte damals damit nicht gerechnet. 1989 war ich gerade in der Ausbildung zur Diplom-Archivarin, ich war damals in Marburg. Wir studierten da, haben das bejubelt - aber wir waren davon überrascht, dass sich plötzlich Menschenmassen erheben und die Grenzen fallen. Das war bewegend. 1990 sind wir im Rahmen des Studiums auch nach Potsdam gefahren und haben uns die Archive dort angesehen. Unser Dozent sagte damals: "Nicht so dolle Fragen stellen!" Das war noch richtig im Hochsicherheitstrakt und ganz ohne Offenheit. Das war der größtmögliche Unterschied zu dem, was wir kannten, denn wir sind mit einer absoluten Offenheit und jeder Möglichkeit der Akteneinsicht aufgewachsen.

Was genau wird am 3. Oktober eigentlich gefeiert?

Kausemann Natürlich die deutsche Wiedervereinigung. Wichtig ist aber auch, zu sehen, was sich danach alles entwickelt hat. Es war und ist nicht so einfach, diese zwei Staaten wieder zusammenzufügen. Was an Wiederaufbau, dem Überwinden von Ressentiments und Erneuerung in den vergangenen knapp 30 Jahren passiert ist - darauf kann man durchaus stolz sein. Als geschichtsaffiner Mensch macht man das ohnehin so: Zu sehen, was zum Zeitpunkt X passiert ist - und was sich daraus entwickelt hat. Deswegen beschäftigt man sich damit.

Wie ist der Feiertag historisch einzusortieren?

Kausemann Feiertage liegen immer in ihrer jeweiligen Zeit begründet, und die muss in diesem Kontext auch immer genau betrachtet werden. In den 1920er Jahren wurden Feiertage und die Obrigkeit zum Beispiel ganz anders gesehen als heute. Da wurden die Kinder mit einbezogen, das ist gar nicht mehr mit unserer Gegenwart zu vergleichen. Dazwischen liegen aber immer auch gesellschaftliche Entwicklungen, die berücksichtigt werden müssen. Man muss Feiertage immer ins Jetzt und Hier transportieren, um zu erkennen, was der Feiertag heute bedeutet.

Für wie sinnstiftend für die kulturelle Identität eines Landes halten Sie solche Feiertage?

Kausemann Erinnerung muss sein. Man muss die Feiertage aber immer hinterfragen und sich damit beschäftigen - egal, ob es sich dabei um Nationalfeiertage oder etwa um christliche Feiertage handelt. Ich finde es wichtig und lege großen Wert darauf, dass man sich damit beschäftigt, gerade mit Blick auf eine eigene Identität.

Fehlt Ihnen im Jahreslauf eigentlich ein Feiertag?

Kausemann Da würde mir jetzt ad hoc so nichts einfallen. Schließlich gibt es mittlerweile ja die ganzen Welt-irgendwas-Tage, das ist in den vergangenen Jahren leider ziemlich ausgeufert. Bei jedem dieser Tage geht es aber um irgendetwas, und darüber sollte man nachdenken. Es ist so wichtig, dass wir uns informieren. Und in unserer Zeit des Internets können wir das ja auch so einfach tun. Es machen nur leider zu wenige. Und das gibt mir dann doch zu denken.

Warum ist der Tag der Deutschen Einheit heutzutage für viele einfach nur ein freier Tag?

Kausemann Ist das so? Ich hoffe sehr, dass dem nicht so ist. Dass die Menschen sehr wohl darüber nachdenken und sich über die Zusammenhänge informieren. Und sich die Zeit damals vor Augen führen, mit all ihren Entwicklungen.

Warum wäre es fatal, wenn es dennoch so wäre?

Kausemann Es wäre eine schlechte Entwicklung. Man versucht, Erinnerungen an frühere Zeiten wachzuhalten, zu reflektieren und aus der Vergangenheit zu lernen. Zumindest wäre es schön, das zu tun. Manchmal frage ich mich aber, ob es uns womöglich zu gut dafür geht?

Wie kann man dem entgegenwirken?

Kausemann Das ist eine gute Frage. Es gibt viele Angebote, aber man muss sich halt auch dafür interessieren. Wenn man sich mit Geschichte befasst, dann kommt man automatisch zum Wesen des Menschen: Wie ist der Mensch? Und da muss man eben bedenken, dass jedes Leben verschiedene Phasen hat, in denen oft einfach die Zeit fehlt, sich etwa mit der Geschichte zu befassen. Oft kommt das Reflektieren erst in späteren Jahren. Ich habe vier Kinder, und als die klein waren, habe ich mich auch am 3. Oktober gefreut, dass ich dann mal einen freien Tag habe. In den Geschichtsvereinen bemühen wir uns aber schon darum, die Erinnerung lebendig zu halten.

Gibt es Veranstaltungen der BZG in diesem Jahr?

Kausemann Nein, in diesem Jahr nicht. Aber ich denke, dass wir nächstes Jahr wieder einmal etwas anbieten könnten.

Steht zu befürchten, jetzt, wo Rechtspopulisten im Bundestag sind, dass diese den Feiertag für sich vereinnahmen?

Kausemann Das ist auf jeden Fall eine Gefahr. Ich sehe die antieuropäischen Strömungen mit Sorge. Gedenk- und Feiertage wurden aber immer schon instrumentalisiert. Das ist einfach so. Ich habe aber so viel Hoffnung und Vertrauen in unsere Politik, dass dem durch Reflektieren und Nachdenken - und entsprechendem Handeln - entgegengewirkt werden kann. Allerdings sehe ich in den vergangenen Jahren eine tendenzielle Verschlimmerung im Umgangston in der Politik: Wenn ich sehe, welche Vokabeln da teilweise wieder verwendet werden, finde ich das erschreckend.

Wie wichtig ist generell die Erinnerung an die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft?

Kausemann Genau darum geht es - aus der Geschichte zu lernen, Fehler nicht zu wiederholen. Aber dafür muss man die Geschichte eben auch kennen. Das geht über das Lesen von Texten, über die Auswertung und Interpretation von Quellen und über das Bilden einer eigenen Meinung. Die Möglichkeiten dafür stehen uns gottlob alle frei - sie müssen nur genutzt werden.

Wäre das ein Mittel, entsprechend aufbereitet, um populistischen Tendenzen entgegenzuwirken?

Kausemann Ja. Denn jeder, der normal gebildet ist und klar denken kann, kommt zu dem Schluss, dass Europa wichtig ist, dass eine Gemeinschaft wichtig ist. Dann kann man auch gar nicht mehr in dieses nationale "Nur-wir"-Denken zurückfallen. Wenn man sich etwa vor Augen führt, dass der Bevölkerungsanteil der Juden zu Beginn des Nationalsozialismus bei unter einem Prozent lag, muss man sich doch fragen: Wovor hatte man damals bitte Angst? Das gleiche gilt heute bei der Flüchtlingsproblematik: Wir sind ein reiches Land, es geht uns gut. Warum sucht man sich einen Sündenbock? Wo kommt das her? Wie kann man dem entgegenwirken? Das schafft man letztlich nur mit Bildung.

Wie werden Sie den morgigen Feiertag begehen?

Kausemann Im Moment ist meine Mutter im Krankenhaus, daher werde ich nicht so viele Gedanken für den Feiertag übrighaben. Aber, wie schon gesagt, im kommenden Jahr hoffe ich, dass wir in der Bergischen Zeitgeschichte eine entsprechende Veranstaltung werden anbieten können.

DAS INTERVIEW FÜHRTE WOLFGANG WEITZDÖRFER

Quelle: RP
 
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