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Hückeswagen
Nach Voßhagen aus Liebe zum Großvater

Hückeswagen: Nach Voßhagen aus Liebe zum Großvater
Svetlana Komissarova (2.v.r.) mit den Übersetzern Eugen und Ludmilla Föll sowie Bernhard Guski (r.) am Grab ihres Großvaters in Voßhagen. FOTO: Hertgen
Hückeswagen. Zum zweiten Mal besucht Svetlana Komissarova das Grab ihres Großvaters, der 1941 als Kriegsgefangener im Lager Hammerstein gestorben ist. Seit ihrem ersten Besuch hat die Russin weitere Angehörige der Kriegsgefangenen ausfindig gemacht. Von Heike Karsten

Die blonde, zierliche Frau aus Moskau steht am Grab ihres Großvaters, zupft einige vom Baum gefallene Blätter vom Grab und streicht liebevoll über den Grabstein. Die Tränen stehen ihr in den Augen.

Für Svetlana Komissarova ist es die zweite Reise nach Hückeswagen. Im vorigen Jahr hatte sie zum ersten Mal das Grab ihres Großvaters auf dem Kriegsgefangenenfriedhof in Voßhagen aufgesucht. 73 Jahre galt ihr Opa, der Soldat Konstantin Samarin, als verschollen. Seine Ehefrau hatte bis zu ihrem Tod 2003 im Alter von 91 Jahren auf ihren Kollja gewartet.

Die Ungewissheit ließ die Enkelin nicht los. Sie recherchierte im Internet und fand so die Grabstätte. Obwohl Svetlana Komissarova ihren Großvater nie kennengelernt hat, ist sie tief ergriffen, wenn sie an seinem Grab steht. "Ich glaube, ich habe die Liebe meiner Großmutter geerbt", sagt die Mittvierzigerin.

Nach dem Besuch in Hückeswagen 2014 hatte die Mitarbeiterin einer medizinischen Bibliothek in Moskau geplant, am 9. Mai, zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, wieder nach Hückeswagen zu kommen. "Das hat aber mit meinem Urlaub nicht gepasst", erzählt die Russin. Daher habe sie wieder die Geburtstage ihres verstorbenen Vaters (29. Juli) und Großvaters (25. Juli) sowie den Tag der Gefangennahme am 28. Juli 1941 zum Anlass genommen, die weite Reise über 2000 Kilometer noch ein zweites Mal auf sich zu nehmen. "Meine Seele verlangt danach, das Grab meines Großvaters besuchen zu können", sagt sie. In ihrem Gepäck befanden sich große künstliche Blumensträuße und Gebinde für sein Grab und drei weitere Gräber in Voßhagen.

Seit ihrem ersten Besuch in Deutschland hat Svetlana Komissarova es sich zur Aufgabe gemacht, weitere Angehörige der in Hückeswagen beerdigten russischen Kriegsgefangenen ausfindig zu machen. Gefunden hat sie unter anderem die Tochter und zwei Urenkel des Soldaten Alexander Orlow. "Wir haben Kontakt aufgenommen und uns gegenseitig zum 9. Mai gratuliert", berichtet sie. In Russland gilt nicht der 8. Mai 1945 als Kriegsende, sondern der 9. Mai. Sollte es der Gesundheitszustand der mittlerweile 80-jährigen Tochter Orlows zulassen, so möchte sie im nächsten Jahr mit den Urenkeln das Grab ihres Vaters besuchen kommen.

Auch zwei weitere Angehörige wurden von der Russin informiert. Sie überwiesen Geld an den historischen Verein Ar.kod.M (Arnsberger russische Kriegsopfer Memorial) in Dortmund, der Svetlana Komissarova auf ihrer bewegenden Reise in die Vergangenheit begleitet und unterstützt. Mit dem Geld ließ der Verein auf Wunsch der Angehörigen Grabsteine anfertigen und am Jahrestag zum Kriegsende aufstellen. Zudem möchten die Angehörigen Geld für die Pflege der Grabstätten spenden.

Die acht Tage in Hückeswagen verbringt Komissarova meistens in Voßhagen. Sie entfernt Moos, Laub und Zweige vom gesamten Areal. Ein Auge auf den Friedhof haben auch Anwohner und Künstler Bernhard Guski und seine Frau Maria. "Dafür bin ich der Familie Guski sehr dankbar", sagt die russische Besucherin.

Da es ihr ein Anliegen ist, weitere Gräber aus der Anonymität zu holen und mit Grabsteinen zu versehen, ist auch für Bernhard Guski als Vorsitzenden des Freundeskreises Friedenskapelle Voßhagen eine Unterstützung denkbar. "Ich denke, der Verein wird sich an den Kosten für die Grabsteine beteiligen", sagt er.

Heute reist Sventlana Komissarova wieder zurück nach Moskau. Wenn es die Zeit und ihre finanziellen Mittel zulassen, möchte sie auf jeden Fall wiederkommen - aus Liebe zu ihrem Großvater.

Quelle: RP
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