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Hückeswagen
Potthoff kennt viele Fälle von Kinderarmut

Hückeswagen. Zwei Millionen Kinder in Deutschland sind offiziell arm, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. "Die meisten kommen, wenn sie einmal in Armut geboren und aufgewachsen sind, nicht mehr aus diesem Hamsterrad heraus", berichtete der diplomierte Sozialarbeiter Olaf Potthoff, der am Mittwochabend bei der Vortragsreihe "Hückeswagener Gespräch" der Fachstelle Sucht des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Lennep in deren Räumlichkeiten an der Marktstraße über Kinderarmut referierte. Von Cristina Segovia-Buendia

Als arm gelten in Deutschland per Definition alle, die unter 60 Prozent eines Durchschnittseinkommens von 1528 Euro im Monat zur Verfügung haben. Davon sind laut einer vorgelegten Studie 12,62 Millionen Menschen in Deutschland betroffen - das sind 15,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. "Damit sind auch alle Empfänger von Sozialleistungen mit Kindern per Gesetz arm", stellte Potthoff klar.

Der Geschäftsführer des evangelischen Betreuungsvereins des Kirchenkreises Lennep ist in der Schuldnerberatung in Remscheid tätig und kennt viele Fälle von Kinderarmut und ihre Folgen. Die Zahlen seien in Großstädten immer um einiges höher als in ländlichen Gebieten, wo die Gemeinschaft mehr abfedert als in anonymen Metropolen. "In Deutschland sprechen wir immer von der relativen Armut, die bedeutet, dass eine Unterversorgung in den vier Dimensionen der Grundversorgung vorherrscht", sagte Potthoff. Dazu zählen Wohnung, Nahrung, Kleidung und Gesundheit.

"Eine absolute Armut sollte es in Deutschland durch das Sozialsystem aber eigentlich nicht geben." Hier legte Potthoff die Zahl von 29.000 Kindern vor, die in Deutschland auf der Straße leben sollen. Armut bedeute Einschränkung und Ausgrenzung: "Auch die Bildungschancen werden sozial vererbt", erklärte Potthoff und stellte das gegliederte Schulsystem als Teil dieses Bildungsproblems in Frage.

Anhand allgemeiner Statistiken von Langzeitstudien stellte der Fachmann heraus, dass sich die Unterversorgung im Laufe des Lebens bei den meisten Fällen von Armut sogar verschärft. "Arme Menschen sterben früher - Männer elf Jahre und Frauen acht Jahre früher als Normalverdiener", sagte Potthoff. Sie neigen auch eher zu gesundheitsriskanteren Verhalten, neigen verstärkt zu Suchterkrankungen und chronischen Beschwerden." Die Kinder würden unter der Einkommensarmut der Eltern besonders leiden.

Präventiv ließe sich Armut nur politisch aufhalten, indem Regelsätze angepasst würden und Kindergeld beispielsweise nicht auf den Hartz IV-Satz angerechnet würde. "Das Teilhabegesetz erreicht auch nicht alle, die es in Anspruch nehmen könnten", beklagte Potthoff. Am Ende bliebe das soziale Netz der Gemeinschaft, das vor allem in ländlichen Regionen gut funktioniere. So würden in Kitas und Schulen finanziell schwache Kinder durch Fördervereine unterstützt.

Quelle: RP
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