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Hückeswagen
Schatten über zwei frühere Erzfeinde

Hückeswagen: Schatten über zwei frühere Erzfeinde
Hückeswagen. Am Anfang stand im Sommer 2014 eine siebenteilige Serie in der Bergischen Morgenpost über die Schrecken des Ersten Weltkriegs in Hückeswagen und Etaples. Daraus ist ein bewegendes Buch von Autor Dr. Axel Bornkessel geworden. Von Stephan Büllesbach

Als der deutsche Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 dem Erzfeind Frankreich den Krieg erklärte, versammelten sich die Hückeswagener auf der Islandstraße, am Wilhelmplatz und am Kriegerdenkmal an der Bahnhofstraße. Sie alle jubelten den im Gleichschritt herabmarschierenden und blumengeschmückten Soldaten zu. "Richtiges Kaiserwetter, und das an diesem großen erhebenden Tag!", schreibt Axel Bornkessel in seinem Buch "Im Schatten des Krieges - Hückeswagen und Etaples-sur-Mer von 1914-1918". Mit Blick auf den gewonnenen Krieg 1870/71 heißt es weiter: "Sie alle waren gewiss, dass die Jungs es den Franzosen wieder einmal kräftig zeigen würden, wie schon damals."

Doch was für ein krasser Gegensatz: Aus den Jubelschreien der Daheimgebliebenen wurden nur wenige Monate später tausendfache Schmerzensschreie, als der deutsche Vormarsch über Belgien im Norden Frankreichs steckenblieb. Es sollte mehr als vier Jahre dauern, bis der bis dato schrecklichste aller Kriege mit Millionen von Toten und Verwundeten beendet war. Er sorgte bei den Menschen in Deutschland, auch in Hückeswagen, für unsagbares Leid, obwohl hierzulande kein einziger Schuss fiel. Und er bereitetete den Nährboden für die Machtübernahme der Nationalsozialisten und einen noch fürchterlicheren Krieg mit Auswüchsen, wie der Vergasung der Juden, die sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen konnte. All das beschreibt der Kölner TV-Journalist Bornkessel in seinem Buch.

Das Werk des 73-Jährigen ist ein spannendes Geschichtsbuch. Vor allem auch eines für Heimatgeschichte. So erläutert der gebürtige Hamburger nicht nur die Hintergründe des Grande Guerre (der Große Krieg), wie ihn die Franzosen nennen, sondern geht auch auf die Situation in den beiden heute befreundeten Partnerstädten Etaples und Hückeswagen ein.

Vor allem die besondere Bedeutung der französischen Kleinstadt an der Mündung des Flusses Canche in den Ärmelkanal hat es Bornkessel, der mit seiner Frau Edith Gerhards an der Bachstraße einen zweiten Wohnsitz hat, angetan. So wurde die Region um Etaples zum größten Ausbildungsplatz der Alliierten im Ersten Weltkrieg. Bis zu 60.000 Menschen lebten in dem großen Lager, wurden dort ausgebildet für den Stellungskampf an der rund 70 Kilometer entfernten Front. Hunderttausende Soldaten vor allem aus England. Australien, Neuseeland, Indien, Südafrika und den USA wurden dort durchgeschleust. Tausende mussten nach der Rückkehr von der Front mit zum Teil schrecklichen Verwundungen und sogar Verstümmelungen behandelt werden.

Bornkessel schreibt: "Das besondere Schicksal von Etaples-sur-Mer hatte meine Neugier geweckt, und je mehr ich Einzelheiten darüber erfuhr, desto spannender wurde es für mich." Er hat es verstanden, seine eigene Spannung auf jede Seite dieses faszinierenden Buches zu übertragen. So grausam manche Zeilen auch sind, geben sie doch ein Bild von den schrecklichen Begebenheiten an der Front, im Lager von Etaples und in Hückeswagen wieder. Und es macht deutlich, in welch sinnlosen Krieg zunächst Europa und dann die ganze Welt geraten war.

Es zeigt vor allem die Entwicklung in Etaples und Hückeswagen auf. Im Sommer 1914 blühte in der heutigen Partnerstadt die Fischindustrie. Und in Hückeswagen hofften die Menschen nach einem heißen Sommer auf eine reiche Ernte - "der Weizen stand gut, und nur die Rüben brauchten noch etwas Regen". Der Krieg sollte jedoch vor allem die wirtschaftlichen Gegebenheiten grundsätzlich verändern. Die einst blühende Textilindustrie der Schloss-Stadt hatte schon seit geraumer Zeit zu leiden, durch die Blockaden und Exportverbote der Alliierten aber wurde ihr Niedergang beschleunigt. Dagegen hatte die Schnabelsche Fabrik Hochkonjunktur, die in der Hummeltenberger Mühle seit 1908 Verbandswatte produzierte - die war jetzt an der Front und in den Lazaretten gefragt. Auch auf die Landwirtschaft hatten der Krieg und die schlechte Versorgung innerhalb des Deutschen Kaiserreichs unterschiedliche Auswirkungen.

Dr. Axel Bornkessels Buch "Im Schatten des Krieges" beschreibt zwar Geschichte von vor 100 Jahren, doch beim Lesen wird sie lebendig. Und das Werk mahnt zu Frieden und der Handreichung über Gräben hinweg. Es ist somit ein sehr aktuelles Buch.

Quelle: RP
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