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Im Gespräch mit Marcus Weichert
Schon frühzeitig mit Berufswahl beschäftigen

Im Gespräch mit Marcus Weichert: Schon frühzeitig mit Berufswahl beschäftigen
Die Landesinitiative "Kein Abschluss ohne Anschluss" setzt in der achten Klasse an. Dadurch sollen sich die Jugendlichen kontinuierlich mit der Berufswahl auseinandersetzen. FOTO: monkey business Images/RKN
Hückeswagen. Immer wieder kommt es vor, dass junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden. Dabei bietet die Arbeitsagentur viele Möglichkeiten an.

Noch ist es nicht zu spät, sich um einen Ausbildungsplatz fürs kommende Lehrjahr zu kümmern. Marcus Weichert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, spricht darüber, welche Ausbildungsberufe besonders beliebt sind und wie man Jugendliche bei der Suche möglichst effektiv unterstützen kann.

Herr Weichert, wie viele offene Ausbildungsplätze gibt es derzeit im Bergischen Land?

Weichert Im Agenturbezirk Bergisch Gladbach (Rheinisch-Bergischer Kreis, Oberbergischer Kreis und Leverkusen) gibt es zum Stand März noch 1812 unbesetzte Berufsausbildungsstellen.

Welche Branchen sind besonders begehrt?

Weichert Ganz oben bei den gemeldeten Stellen stehen die klassischen kaufmännischen Berufe, zum Beispiel im Einzelhandel und im Büro. Aber auch im Metall- oder Lagerbereich haben die Jugendlichen sehr gute Chancen.

Und welche haben eher chronischen Nachwuchsmangel?

Weichert Oft sind es die eher unbekannten Berufe oder Unternehmen, die wenige Bewerbungen erhalten. Wer kennt schon den Beruf des Oberflächenbeschichters? Ebenfalls betroffen sind Ausbildungsberufe, die ein nicht so gutes Image haben - entweder, weil man vielleicht veraltete Vorstellungen von den Tätigkeiten hat oder weil die Arbeitszeiten schwierig sind. Dabei sind vor allem im Handwerk viele Berufe mittlerweile hochtechnisiert und sehr anspruchsvoll geworden.

Warum finden trotz des allseits beklagten Nachwuchsmangels dennoch immer wieder Jugendliche keinen Ausbildungsplatz?

Weichert Diese sogenannten Passungsprobleme haben viele Gründe. Zum Teil ist es ganz einfach so, dass Jugendliche die Ausbildungsstelle und/oder die Berufsschule nicht erreichen können, weil sie zu weit entfernt sind. Oder - gerade im Einzelhandel - die Branche passt nicht. Die Ausbildungsstelle im Baumarkt findet in der Regel weniger Interessenten als die im Elektromarkt oder im Bereich Mode und Kosmetik. Auch spielen die Ansprüche - wohlgemerkt: auf beiden Seiten - eine große Rolle. Mal sind die Schulnoten nicht gut genug - mal passen die Klamotten oder das Aussehen der Bewerber nicht.

Welche Strategien hat die Agentur?

Weichert Wir können im Rahmen unserer Beratung auf verschiedene Aspekte hinweisen. Die Entscheidung trifft jedoch ausschließlich der Unternehmer. Natürlich versuchen wir, etwa Arbeitgeber davon zu überzeugen, auch vermeintlich schwächeren Bewerberinnen und Bewerbern eine Chance zu geben. Wir haben hier verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, die wir anbieten. Und natürlich beraten wir auch die Jugendlichen, was sie vielleicht anders machen könnten, um mehr Erfolg bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu haben. Aber letztlich sind wir in die Entscheidung "ja" oder "nein" nicht eingebunden.

Wie kann man junge Menschen dazu motivieren, sich selbst um einen Ausbildungsplatz zu kümmern?

Weichert Die Jugendlichen zu erreichen ist eine der größten Herausforderungen. Viele sind so eingebunden, dass das Thema Berufswahl nur wenig Platz hat. Die Landesinitiative "Kein Abschluss ohne Anschluss" setzt bereits in der achten Klasse an. Dadurch sollen sich die Jugendlichen kontinuierlich mit der Berufswahl auseinandersetzen und in die Lage versetzt werden, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Wer weiß, was er machen will, kümmert sich in der Regel auch.

Welche Rolle spielen hierbei die Eltern?

Weichert Die Eltern sind nach wie vor die wichtigsten Berater ihrer Kinder. Das hat Vor-, aber auch Nachteile. Eltern, bzw. Erwachsene, die selbst schon lange im Berufsleben stehen, haben häufig noch die Berufsbilder im Kopf, die zu ihrer Zeit gültig waren. Dass ein Geselle auf dem Bau zwischenzeitlich kaum noch Steine schleppt, dafür aber einen Bagger per Computer steuert, ein Elektriker nicht nur "Strippen zieht", sondern Smarthomes plant und umsetzt, oder ein Dachdecker auch eine Art Energieberater ist - all das ist vielen Erwachsenen nicht präsent.

Und was können die Schulen hierzu beitragen?

Weichert Die meisten Schulen bieten bereits entsprechende Unterstützung - es gibt in der Regel spezialisierte Beratungslehrer. Auch bieten die Schulen unseren Berufsberatern die Möglichkeit, Berufsorientierungsveranstaltungen durchzuführen - anschließende individuelle Beratungen, so sie denn gewünscht sind, inbegriffen.

Sehen Sie, wie es das Handwerk immer beklagt, auch einen "Akademisierungswahn"?

Weichert Ein Fakt ist, dass immer mehr Jugendliche studieren und immer weniger Jugendliche eine duale Ausbildung beginnen. Dies hat ebenfalls Vor- und Nachteile. Fakt ist jedoch auch, dass es in einigen Berufen bereits jetzt massive Nachwuchsprobleme gibt - vor allem eben im Handwerk. Viele Firmen haben Probleme und müssen Aufträge ablehnen. Einfach, weil sie nicht die entsprechende Personalkapazität haben. Dazu kommt, dass man nach wie vor hört, dass man nur dann Geld verdienen kann, wenn man studiert hat. Dabei hat ein Handwerker - aber auch Absolventen kaufmännischer oder industrieller Ausbildungen - manchmal mehr im Portemonnaie als mancher Akademiker. Und das nach drei Jahren Ausbildung, statt nach einem längeren Studium.

Wie kann man Jugendlichen Ausbildungen und das Handwerk schmackhaft machen?

Weichert Das hat einiges mit Imagepflege zu tun. Häufig sind es Fehlinformationen, die dazu führen, dass ein Studium der dualen Ausbildung oder speziell dem Handwerk vorgezogen wird. Die Geldfrage ist immer Thema - und eben das fehlende Wissen über den Wandel, den die meisten Berufsbilder im Rahmen der Digitalisierung und allgemeinen sonstigen Entwicklung durchlaufen haben. Die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land ist mit ihrer Linienbusaktion vor Ostern ja bereits neue Wege gegangen. Neben der Information und Beratung durch die Arbeitsagenturen, sind hier auch die Unternehmen selbst gefragt, Werbung für sich und ihre Ausbildung zu machen.

Was sollten die Interessenten bei den Bewerbungsschreiben beachten?

Weichert Die Bewerbung ist die Eintrittskarte in das Auswahlverfahren und der erste Eindruck. Sie sollte individuell formuliert, ohne Rechtschreibfehler und Knicke sein. Kein "Roman", aber aussagekräftig. Man kann sich beispielsweise überlegen, ob man seine eigene Bewerbung gerne lesen und sich daraufhin selbst zum Bewerbungsgespräch einladen würde. Der altbekannte Spruch "Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance" ist auch hier zutreffend.

Gibt es von Seiten der Agentur für Arbeit auch eine Art "Bewerbungs-Coaching"?

Weichert Wir bieten verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten an: Bewerbungsmappen-Checks, Bewerbungs-PCs im Berufsinformationszentrum, Online-Hilfen in Form von Internetauftritten oder unsere Bewerbungs-App. Wenn es notwendig sein sollte auch ein Bewerbungstraining.

Bis wann sollte man sich spätestens beworben haben, um noch eine Chance zu haben?

Weichert Da gibt es keine Deadline. Die großen Firmen beginnen jetzt schon mit den Auswahlverfahren für 2019 - da sind die Ausbildungsplätze für dieses Jahr in der Regel bereits besetzt. Kleinere Firmen und das Handwerk sind meist etwas später unterwegs und aktuell in den Ausschreibungs- bzw. Auswahlverfahren. Zu Beginn des Ausbildungsjahres - also Anfang August und Anfang September - tritt auch immer eine gewisse Anzahl Jugendlicher ihren Ausbildungsplatz nicht an, so dass Nachbesetzungen erforderlich sind. Bis Ende September sind die meisten Verträge unter Dach und Fach. Aber auch dann ist noch ein Start in eine Ausbildung möglich - bis etwa Ende November. Dann ist in der Regel Schluss, da sonst zu viel Berufsschulstoff fehlt.

DAS INTERVIEW FÜHRTE WOLFGANG WEITZDÖRFER

Quelle: RP
 
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