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Unterwegs
Zwei verwandte Seelen auf gemeinsamer Pilgerreise

Unterwegs: Zwei verwandte Seelen auf gemeinsamer Pilgerreise
Nach sechs Wochen und 2700 Kilometern erreichten Florian Alexander Krumm und sein Großvater Siegmar Craen die Kathedrale von Santiago de Compostela, in der die Grabstätte des Apostels Jakobus liegt. Unten das gefüllte Pilgerbuch von Großvater und Enkel. FOTO: Krumm
Hückeswagen. Wenn Florian Alexander Krumm (25) und Siegmar Craen (71) sich die zahlreichen Fotos ihrer Pilgerreise nach Santiago de Compostela ansehen, sprudeln die Erinnerungen nur so aus ihnen heraus. Da ist zum Beispiel ein Bild von ihrem selbst gebauten Fahrradanhänger, der gleich am ersten Tag viermal umgekippt war, dann aber doch überraschend gut bis Spanien gehalten hatte. Da ist ein Foto von ihrem gut gefüllten Pilgerpass, der mit dem ersten spanischen Stempel in Roncesvalles zeitgleich den "Sieg über die Pyrenäen" markierte. Und natürlich ein Foto in Siegerpose, nachdem die beiden Hückeswagener endlich die Kathedrale von Santiago erreichten, wo das Grab des Apostels Jakobus liegt. Von Beate Wyglenda

Insgesamt sechs Wochen lang waren Großvater und Enkel mit ihren Fahrrädern auf dem Jakobsweg unterwegs (die BM berichtete). Etwa 2700 Kilometer bewältigten sie von ihrer Haustür aus bis zu der berühmten Grabstätte. Doch so lang der gemeinsame Weg, so verschieden sind die beiden Radler. Der eine ein 25-jähriges Model, das gewöhnlich durch die Welt jettet. Der andere ein 71 Jahre alter Ruheständler, der längst nicht bereit ist, sich auszuruhen. Während Craen schon seit Jahren fast täglich Fahrrad fährt, um Krankheiten entgegenzuwirken, den Pilgerweg bis ins Detail geplant hatte und geistig durchgegangen war, war Krumm am Abend vor dem Start noch in einem Kölner Club unterwegs, stieg am nächsten Morgen einfach aufs Rad und fuhr los.

Auch die Motive der Hückeswagener könnten unterschiedlicher nicht sein: "Ich bin aus Dankbarkeit gefahren, weil ich noch so gesund und fit bin", erzählt der gläubige Craen, der den Jakobsweg bereits 2010 alleine mit dem Fahrrad gepilgert war. Weniger religiös motivierte Gründe hatte Krumm: "In meinem Alter haben noch viele einen Großvater, aber längst nicht so einen fitten, mit dem man so ein langes Unterfangen wagen kann. Als zur Sprache kam, dass Opa den Jakobsweg nochmal fahren will, dachte ich, warum sollte ich nicht mit?"

Entsprechend lebhaft waren die Diskussionen, die Großvater und Enkel auf der Fahrt führten. Verweigern wollte sich der 25-Jährige den spirituellen Impulsen der Pilgerreise jedoch nicht. Da der Jakobsweg zwangsläufig an vielen Kirchen vorbeiführt, waren die Gefährten täglich in Gotteshäusern zu Gast. Allerdings hörte sich der Jüngere abends im Zelt noch Ausführungen von Religionskritikern an, während Craen schlicht fasziniert blieb: "Die Besuche in den Kirchen haben mir immer wieder neue Kraft gegeben", versichert der 71-Jährige.

FOTO: Florian Alexander Krumm

Der extrovertierte Enkel schöpfte seine Energie viel eher aus den zahlreichen Begegnungen mit Einheimischen, Campern und anderen Pilgern. "Immer wenn die Leute erfahren haben, dass wir als Großvater-Enkel-Gespann unterwegs waren, wünschten sie uns alles Gute, umarmten uns, gaben uns noch einen Rat oder eine Trinkflasche mehr mit auf den Weg", erzählt Krumm. Manche Pilger wurden sogar zu wiederkehrenden Begleitern. Etwa zwei portugiesische Radfahrer, die die Hückeswagener erst in León, dann in einem kleinen Dorf und später bei einem Stadtfest in Cacabelos wiedergetroffen hatten. "Drei Fragen kamen unter den Pilgern immer wieder auf: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Warum macht Ihr das?", erzählt Krumm. "Und die Antworten waren so unterschiedlich wie interessant: Manche waren 100 Prozent gläubig und pilgerten deshalb, andere hatten eine Scheidung oder einen Burnout hinter sich, suchten sich selbst oder etwas Entschleunigung."

Einfach ist der Weg nicht. Auch der 71-jährige Craen stellte sich gelegentlich die Frage nach dem Warum: "Wenn der Hunger oder Durst plagte oder man an einem Tag 100 Kilometer weit gefahren war, dachte man schon, wozu diese Strapaze?" Aus diesen Tiefs heraus halfen meist Kleinigkeiten: eine Stärkung, eine gemeisterte Etappe, eine schöne Landschaft. Krumm: "Es ist erstaunlich, wie sich die Vegetation von Norden nach Süden hin verändert. Man sieht Kilometer weit nur Weinanbaugebiete, dann wieder lange Zeit Getreidefelder, dann das Grün der Pyrenäen und schließlich karge Landstriche in Spanien."

Besonders auf langen Etappen hatten die Hückeswagener Zeit, um nachzudenken. "Man macht sich viele Gedanken - über sich selbst, die eigenen Stärken und Ziele", sagt der 25-Jährige. "Man vollzieht eine Entwicklung, und diese Erkenntnisse nimmt man mit für die Zukunft." Also frei nach der Weisheit, der Weg ist das Ziel? Vielleicht. Siegmar Craen jedenfalls war erleichtert, die Kathedrale von Santiago erreicht und diesen Weg nochmal gemeistert zu haben. Sein Enkel quittierte die Ankunft dagegen als "Tag wie jeden anderen. Die Kathedrale war ein geografisches Ziel. Der innere Prozess, der auf dem Weg begonnen hat, geht weiter."

Quelle: RP
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