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Hückeswagen
Wenn der Alkohol eine Belastung ist

Hückeswagen. Es war ein nachdenklich stimmender Abend im Heimatmuseum, als die Kölner Buchautorin Ulla Schmalz am Mittwoch aus ihrem Ratgeber "Das Maß ist voll" vorlas. Darin geht es um das Zusammenleben mit Alkoholabhängigen. Von Wolfgang Weitzdörfer

Die Situation von Angehörigen von Alkoholikern ist schwer. Gleichzeitig ist das aber ein Thema, das in der Literatur über diese Krankheit nur selten zu finden ist. Dabei gelten laut aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums etwa 1,8 Million Menschen als alkoholabhängig, etwa 9,5 Millionen Menschen deutschlandweit konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form.

Dahinter stehen in der Regel Familien, Ehepartner und Kinder. Wie diese Mitbetroffenen, häufig auch co-abhängig, mit der schweren Situation umgehen können, darüber hat die pensionierte Fachkrankenschwester für Psychiatrie Ulla Schmalz das Buch "Das Maß ist voll - für Angehörige von Alkoholabhängigen" veröffentlicht. Am Mittwochabend las sie im Heimatmuseum vor etwa 40 Zuhörern auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Sucht-selbsthilfe Oberberg daraus vor.

Dabei schränkte Ulla Schmalz gleich zu Beginn ein: "Eigentlich ist mein Buch gar kein Vorlesebuch, sondern ein Ratgeber." Die Kölnerin kennt den Mangel an Fachliteratur für betroffene Angehörige aus eigener Erfahrung: "Mein Mann ist keine 50 Jahre geworden, er ist am Alkohol gestorben", erzählte sie. Weil sie merkte, dass ihr etwas fehlte, habe sie das Buch geschrieben. "Das Buch ist eine verlässliche Klärungshilfe zur realistischen Bestandsaufnahme", betonte Angela Hensch, die den Abend anmoderierte.

Und so las Schmalz im Endeffekt nur wenig aus ihrem Buch vor. Vielmehr ergänzte sie die kurzen Passagen um persönliche Erinnerungen mit publizierten, literarischen Texten von betroffenen Angehörigen. Darunter war die Frau des bergischen Schriftstellers Ernst Herhaus. Sie beschrieb in einem Kapitel der Lebensbeichte ihres alkoholkranken Mannes, "Kapitulation" (1977), eindrucksvoll, dass sie seine Sucht nahe an den Selbstmord gebracht hatte. Ein Gedicht einer schwedischen Lyrikerin war sehr pragmatisch "Die Frau eines Alkoholikers" betitelt. Schmalz, die lange Jahre mit Angehörigen von Suchtkranken gearbeitet hat, berichtete: "In den Gruppengesprächen konnte keiner der anwesenden Angehörigen, ob Mann oder Frau, dieses Gedicht vorlesen, ohne zu weinen. Es berührt so viele wunde Punkte."

Die Autorin skizzierte eindringlich, wie belastend das Leben für eine Familie mit einem alkoholkranken Elternteil sein kann: "Es wird viel geleugnet. Das Leugnen bedeutet Entlastung. Es ist auch eine Relativierung der Situation." Es gebe tausend gute Gründe dafür, dass gerade "eben mehr getrunken" werde. Das sei letztlich eine Überlebensstrategie: "Und jede Familie will schließlich überleben", stellte Ulla Schmalz klar. Erschwerend komme hinzu: "Alkohol ist omnipräsent. Er ist nicht tabuisiert - wie etwa das Rauchen." Umso mehr Bewunderung bringt die Autorin für alle Menschen auf, die "jeden Tag aufs Neue nein sagen müssen und das schaffen".

Quintessenz des Abends war: So schlimm die Alkoholsucht für den Süchtigen selbst ist, für den oder die Angehörigen ist sie mindestens genauso schlimm. Vor allem für die Kinder. "Denn das Schlimmste an der Sucht ist der Verlust der Würde. Für Kinder gibt es im Umgang mit suchtkranken Elternteilen drei Regeln: fühle nicht, rede nicht, traue nicht", sagte Schmalz. Dadurch aber würden Kinder nichts von dem erleben, was sie für ein gesundes Aufwachsen benötigten. Jungen würden als Erwachsene in der Folge oft selbst alkoholkrank, viele Mädchen suchten sich alkoholkranke Partner. "Aber erstaunlich viele Kinder gehen unbeschadet aus einer solchen Kindheit hervor", sagte Schmalz weiter und las als Beispiel eine Kindheitserinnerung des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton vor. Ein versöhnlicher Abschluss eines Abends, der insgesamt sehr nachdenklich stimmte.

Quelle: RP
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