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Hünxe-Bruckhausen
Die Geschichte von Rosi und Walter Gabel

Hünxe-Bruckhausen. Willi Langhoff, Wilma Krüger und Michael Lücking haben sich vorgenommen, die Ortsgeschichte von Bruckhausen wach zu halten und befragen dazu Zeitzeugen. Für die erste Folge haben Rosi und Walter Gabel Michael Lücking erzählt, wie sie nach dem Krieg aus Ostpreußen geflohen sind und in Hünxe aufgenommen wurden. Von Michael Lücking

"Vorab darf ich sagen, dass wir mit dieser Einquartierung, ohne unser Zutun, ein gutes Los gezogen hatten. Die Bauersleut waren echte Christen und uns gegenüber nicht feindlich oder gar abweisend gestimmt." So steht es in den Erinnerungen von Anton Rudolf, die er 2010 veröffentlichte. So oder ähnlich äußern sich in der Rückschau Rosi und Walter Gabel, die sechs- und siebenjährig 1945 ihren Heimatort Rößel, zehn Kilometer südöstlich von Königsberg in Ostpreußen, heute Polen, mit ihrer Mutter verließen und es in den Westen schafften.

Zunächst zog es sie Richtung Königsberg, welches sie über die zugefrorene "Frische Nehrung" hinweg zu erreichen hofften. Man erzählte sich, dass von dort nicht weit entfernt das Kreuzfahrtschiff "Wilhelm Gustloff" läge, um möglichst viele Flüchtlinge nach Danzig zu transportieren. Wie viele andere packten sie ihre wenigen Habseligkeiten auf einen Bollerwagen und eine Leiter und zogen diese über das zugefrorene Haff. Doch zu allem Unglück setzte Tauwetter ein und das Eis schmolz und verlor seine Tragfähigkeit. Pferdegespanne, Leiterwagen, mit Menschen und Gepäck überladen, versanken in den kalten Fluten der Ostsee. Mit Mühe und Not gelangte die Familie auf festen Boden. Zum Schiff schafften sie es nicht.

Wink des Schicksals oder Gnade der Vorsehung: Die "Wilhelm Gustloff", von drei Torpedos getroffen, sank am 31. Januar 1945 und riss mehr als 8000 Menschen in den Tod.

Unter großen Mühen gelang es der Familie, eingepfercht in einen Viehwaggon, zunächst in ein Lager in Berlin und danach mit der Eisenbahn zu Verwandten in Wuppertal zu gelangen. Hier fanden sie etwa sechs Wochen Zeit, um sich von den Strapazen der Flucht zu erholen.

Nächste Station ihrer Odyssee war die Stadt Dinslaken. Hier erfolgte im Zuge der Registrierung ein kurzer Aufenthalt im Bahnhofshotel, bevor ihnen für eine Übergangszeit ein Zimmer in einer Baracke auf dem Gelände der Zeche Lohberg an der Hünxer Straße zugewiesen wurde. Eine dieser Baracken stand noch bis etwa 2011 und beherbergte Arbeiter, die den Rückbau der Zeche vornahmen. Erstmals ein wenig heimisch fühlen konnte sich die Familie im Hause Heiermann am Tenderingsweg in Hünxe-Bruckhausen. Doch ein weiterer Umzug stand bevor: Eine Wohnung mit Küche und Schlafzimmer mit drei Betten auf dem Spickermannshof wurde für mehrere Jahre ihr Zuhause.

Geteiltes Leid ist halbes Leid: Mittag- und Abendessen durfte Rosi auf dem Hof Spickermann einnehmen, während Walter zum benachbarten Raashof geschickt wurde, um seinen Hunger zu stillen. Gut zehn Leute saßen mit ihm um den großen Tisch. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten machten sich beide Kinder auf dem Hof nützlich: Kühe hüten, Milchkannen auswaschen und andere Dinge. Bruckhausen hatte anfangs der Fünfzigerjahre noch keine katholische Kirche. Gottesdienst fand deshalb im Wohnzimmer des Hofes Voss an der Dinslakener Straße statt. Walter, der als Messdiener tätig war, durfte auf dem Milchkannenwagen bis zur Milchsammelstelle bei Martha Benninghoff an der Ecke Bergschlagweg mitfahren, um den Rest bis zum Vosshof zu Fuß zu gehen.

In Gesellschaft mit anderen Menschen lebt es sich leichter. Pfarrer Krix suchte die Not der Menschen zu lindern. Er stellte einen zweigeschossigen Anbau an sein Wohnhaus (Altes Pastorat) auf dem Waldweg zur Verfügung, in dem vier Familien Platz fanden. Familie Gabel, fast schon "luxuriös", bekam zwei Zimmer im Erdgeschoss und einen Raum im Obergeschoss. Mehrere Toiletten waren im Haus vorhanden, wenn auch nur, wie vielerorts auch, als Dreikammertrennsystem.

Freitag war allgemein Badetag. Eine Zinkbadewanne wurde mit heißem Wasser aus einem Kessel befüllt. Alle Mitglieder einer Familie kamen nacheinander in dasselbe Badewasser. Man hat es förmlich vor Augen, dass die Reinheit und Farbe des Badewassers von "Bodensehqualität" bis zu "Dünnmilch" changierte. Wer zuerst oder zuletzt ins Wasser steigen durfte, ist nicht eindeutig überliefert.

Besagte Badewanne muss wohl ein Multifunktionsgerät gewesen sein. Neben dem Halten von Hühnern soll auch mal ein Schwein geschlachtet worden sein. Nach der Schlachtung wurde das Schwein in die Badewanne gelegt, mit heißem Wasser übergossen und die Borsten mit einem trichterförmigen Werkzeug abgeschabt. Diverse Geräte und Werkzeuge für die Schlachtung können heute im Heimatmuseum der Gemeinde Hünxe besichtigt werden. Im Jahr 1949 kam ihr Vater, Albert Gabel, aus russischer Gefangenschaft zurück zu seiner Familie.

Später trennen sich die Wege der Geschwister Gabel. Walter wohnt heute in Dinslaken, Rosi ist in Bruckhausen geblieben. Heute schauen sie mit dem nötigen Abstand auf die Ereignisse in ihrer Kindheit zurück. Die Zeit hat aus ihrer Sicht dann doch vieles zum Guten gewendet.

Quelle: RP
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