| 00.00 Uhr

Jüchen
130 Häuser komplett in Eigenleistung gebaut

Jüchen: 130 Häuser komplett in Eigenleistung gebaut
Die Bewohner der Siedlung "Am Broicher Kaul", lange auch "Sanella"-Siedlung genannt, erinnern sich an den ersten Spatenstich vor 50 Jahren. FOTO: J. Figalist
Jüchen. Vor 50 Jahren war der erste Spatenstich zur Siedlung "Am Broicher Kaul". Drei Jahre später zogen die letzten Eigentümer ein. Von Susanne Niemöhlmann

Gut drei Jahre vergingen zwischen Baubeginn und dem Einzug der letzten der insgesamt 130 Siedler ins neu errichtete Eigenheim. Viel Zeit? "Wir konnten ja in der Woche nur noch drei Stunden nach Feierabend und natürlich den ganzen Samstag an unseren Häusern arbeiten", erklärt Josef Figalist (75), Vorsitzender der Siedlungsgemeinschaft Broicher Kaul in Gierath, die nach heutigen Maßstäben lange Bauzeit.

In diesen Tagen erinnern er und seine Mitstreiter von einst sich besonders intensiv an die entbehrungsreiche, aber auch hoffnungsvolle Zeit Mitte der 1960er Jahre. Denn zum 50. Mal jährt sich der erste Spatenstich für die Baumaßnahme, die mit wenig Startkapital aber umso mehr Eigenleistung verwirklicht wurde. Das wollen die verbliebenen 80 Mitglieder der Siedlungsgemeinschaft und ihre Familien am Samstag, 14. November, ab 11 Uhr im Pfarrjugendheim an der Schulstraße feiern.

Ein großer Artikel in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung war es, der Figalists Ehefrau Gudrun 1964 auf das Bauvorhaben aufmerksam machte. Obwohl mit einem Sohn bei weitem noch nicht "kinderreich", wie eigentlich gefordert, bekundete der Düsseldorfer, der damals als Fernmelder-Monteur arbeitete, bei einer Versammlung im Neuenhausener "Hensenkrug" Interesse - und unterschrieb noch am selben Abend den Vertrag mit dem Deutschen Bodenbewerber- und Siedlerverband Grevenbroich (DBSV). Eine Entscheidung, die er, so versichert er, nie bereut habe. "Das Grundkapital von 3000 bis 3500 Mark konnten viele nur mit Unterstützung von Verwandten aufbringen", berichtet Figalist, der die Funktion des Obmanns in einer der sieben Arbeitsgruppen übernahm, obwohl er zu den jüngsten Bauherren zählte. Erfahrungen im Baugewerbe hatten die wenigsten: Arbeiter, Kaufleute, Handwerker und Techniker arbeiteten Hand in Hand. "Mancher wurde ein perfekter Maurer", erzählt Josef Figalist, der Buch über die abgeleisteten Stunden führte. Unter Anleitung der Grevenbroicher Architekten Ferdinand und Rudolf Mehnert entstanden Bungalows und zweigeschossige Reihenhäuser mit Flachdach. Still wird er, wenn er an den 4. September 1965 denkt. An diesem Tag kamen beim Verlegen der Kanalisation zwei Familienväter aus seiner Arbeitsgruppe ums Leben. "Wir haben die Häuser später für die Familien fertiggebaut", sagt er schlicht.

Die Bauzeit mit ihren Anstrengungen und Mühen schweißte die Siedler ganz offenbar fest zusammen. "Der Zusammenhalt in der Nachbarschaft ist bis heute gut", versichert Josef Figalist, wenn auch manches Haus inzwischen an die nächste Generation oder neue Eigentümer übergegangen ist. "Ich wollte ja eigentlich gar nicht in diese Ecke", gibt er zu, "aber die beiden besten Entscheidungen meines Lebens waren die für meine Frau und für dieses Haus."

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Jüchen: 130 Häuser komplett in Eigenleistung gebaut


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.