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Jüchen
40 Jahre Politik mit viel Herzblut und "eigenem Kopf"

Jüchen. Karl-Heinz Ehms hat seinen Rückzug aus der Politik begonnen. Der Christdemokrat hofft auf jüngere Nachfolger, doch die sind rar. Von Gundhild Tillmanns

Nach 40 Jahren Kärrnerarbeit in der CDU, die er teilweise auch als stellvertretender Bürgermeister geleistet hat, beginnt Karl-Heinz Ehms jetzt mit dem geordneten Rückzug. Der Gemeindeverband musste bei seiner jüngsten öffentlichen Mitgliederversammlung bereits ohne den scheidenden Vorsitzenden auskommen. Ehms gönnt sich jetzt mit seiner Ehefrau den in diesem Jahr schon zweimal wegen politischer Termine verschobenen Urlaub.

In Abwesenheit des 70-Jährigen dankte der 22 Jahre alte designierte Nachfolger Sebastian Heckhausen dem CDU-Urgestein für sein Engagement. Außerdem wird Ehms bis 2020 sein Gemeinderats- und sein Kreistagsmandat noch fortführen. "Dann ist aber endgültig Schluss. Dann bin ich 75, und es wird Zeit für den Nachwuchs", betont Ehms. Aber genau das sei auch das Problem der CDU Jüchen - der Mangel an jüngeren Nachwuchspolitikern. "Es gab Zeiten, da hatte die CDU Jüchen 600 Mitglieder, die Ehefrauen, ganze Familien gehörten dazu. Heute haben wir nur noch etwa 220 Mitglieder im Gemeindeverband, und davon sind mindestens 50 Prozent wesentlich älter als 50", bilanziert Ehms. Es gebe zwar eine aktive Junge Union mit zehn bis 15 Mitgliedern. Erfahrungsgemäß blieben aber nur etwa 50 Prozent "bei der Stange", weiß Ehms: "Im Gemeinderat sind wir aber 21 Fraktionsmitglieder, da wird es schon schwer, wenn wir einen Generationswandel hinbekommen wollen", verdeutlicht er.

Dabei sei es wichtig, mit jüngeren Menschen auch einen Perspektivwechsel in Partei und Fraktion zu erreichen: "Es gibt Themen, die liegen jüngeren Menschen einfach mehr als älteren", stellt Ehms nach vier Jahrzehnten politischer Arbeit fest und nennt Beispiele, wie die Kitaplätze für unter Dreijährige oder die Debatte um Sekundar- oder Gesamtschule.

Ehms hat allerdings auch "einen eigenen Kopf" und Ansichten vertreten, die nicht unbedingt "Mainstream" in der CDU waren und sind. Dazu steht er: "Ich war gegen die teure Sanierung von Haus Katz und gegen die Umwandlung der Sekundarschule in die Gesamtschule, habe mich aber der Mehrheit in der Partei gebeugt", gibt er zu. Im Nachhinein habe sich die Sanierung von Haus Katz "doch gelohnt", aber er sagt auch: "Man müsste aus dem Veranstaltungsort mehr machen und auch das Obergeschoss nutzen." Zwischen einem Gymnasial- und einem Gesamtschulabitur befürchtet Ehms auch weiterhin deutliche Niveauunterschiede. Und auch in Verkehrsfragen hat er eine eigene Auffassung. "Jeder hat ein Auto, aber keiner will die Straße haben", sagt er auch zur aktuellen Diskussion über eine von Eltern im Ortsteil Holz gewünschte zusätzliche Querungshilfe über die Kreisstraße 19. Ehms plädiert aber generell für mehr Eigenverantwortlichkeit von Kraftfahrern und Fußgängern und für weniger "Straßenmöblierung".

Eine spannende, arbeitsreiche und manchmal auch ärgerliche Zeit in der Politik nähert sich für den ehemaligen Bäckermeister, der 1956 aus Norddeutschland nach Jüchen zog, langsam dem Ende zu. Mehr Zeit soll dann endlich für die Ehefrau, die Kinder, die sieben Enkel und den großen Garten in Hochneukirch bleiben.

Aus dem öffentlichen Leben in seinem geliebten Hochneukirch, wo "die Leute viel offener sind als in Jüchen", sagt Karl-Heinz Ehms vor allem in Bezug auf die Willkommenskultur für Flüchtlinge, werde er sich aber nicht zurückziehen. Als Mitbegründer der türkisch-deutschen und tamilischen Freundschaftsvereine hat er noch Einiges vor. Aktuell versucht er zum Beispiel, einen Versammlungsraum für die Tamilen in Jüchen zu organisieren.

Und irgendwie kann Ehms Menschen, die sich wie Flüchtlinge in einer neuen Heimat integrieren wollen und müssen, aus der eigenen Lebensgeschichte heraus verstehen: "Meine Familie ist aus Danzig geflohen, und als ich nach Jüchen kam, musste ich zuerst mal bei meinem Lehrherrn in der Bäckerei Plattdeutsch lernen, sonst hätte ich die Brote anbrennen lassen", gibt Karl-Heinz Ehms schmunzelnd zu. Und seine aus dem Rheinland stammende Frau bestätigt ihm lächelnd: "Er ist längst einer von uns geworden, man merkt kaum noch Unterschiede."

Quelle: NGZ
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