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Jüchen
Angst vor Atomunfall in Belgien

Jüchen. Gemeinde und das Kreisgesundheitsamt haben noch keinen Plan, wie Jodtabletten verteilt werden. Von Gundhild Tillmanns

Als am 3. April das erste Enkelkind von Gerolf Hommel geboren wurde, hat dies bei dem Jüchener Kommunalpolitiker zunächst große Freude, dann bald aber auch Sorge ausgelöst. "Man hatte zwar immer mal etwas von möglichen Störfällen der belgischen Atomkraftwerke gehört, sich aber nie große Gedanken darüber gemacht. Die Geburt unseres Enkelkindes war für mich der Auslöser, einerseits Jodtabletten für meine Familie zu besorgen, andererseits aber auch zu versuchen, politisch aktiv zu werden", sagt der Fraktionsvorsitzende der Freien Wählergemeinschaft (FWG).

Die Gemeinde Jüchen ist, wie berichtet, aufgefordert worden, die Zahl der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren zu melden, weil für diese Bevölkerungsgruppe sowie für Schwangere Jodtabletten an die Gemeinde ausgegeben werden sollen. Im Ernstfall sollen die dann zentral verteilt werden und helfen, eine sogenannte Jodblockade aufzubauen. Indes fragt sich nicht nur Hommel, sondern auch Bürgermeister Harald Zillikens, wie solch eine Jodtablettenverteilung denn überhaupt funktionieren könnte. Denn bei einer nahenden radioaktiven Wolke gelte doch die erste und oberste Schutzdevise, die Räume und Häuser nicht zu verlassen. Hommel bezweifelt zudem die Darstellung des Kreises an, Jüchen befinde sich außerhalb der 100-Kilometer-Zone und damit nicht im engeren Gefahrenbereich der belgischen Atomkraftwerke. Er geht von einer Distanz von 80 Kilometern aus und meint zudem, dass deshalb Jodtabletten für alle Jüchener bis zum 45. Lebensjahr bereitgehalten werden müssten. Generell fordert der Kommunalpolitiker aber, den gesamten Kreis Neuss zu mobilisieren und einen schriftlichen Protest nach Belgien zu schicken.

Der Bürgermeister teilte Hommel und dem gesamten Hauptausschuss zwar mit, dass sich der Rhein-Kreis Neuss aus juristischen Gründen nicht an einer Sammelklage der Region Aachen beteiligen könne. Sammelklagen seien nach belgischem Recht nicht zulässig. Zillikens sagte aber: "Es ist müßig, über Jodtabletten zu sprechen, die belgischen Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden."

Über Jodtabletten muss sich allerdings der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Dr. Michael Dörr, durchaus Gedanken machen. Denn er gibt zu, genauso wie Jüchen und andere Städte und Kommunen noch auf entsprechende Merkblätter von Land und Bund zu warten, wie man sich die Jodtablettenverteilung denn überhaupt vorstellt. Eine zentrale Verteilung mache aus seiner Sicht wenig Sinn, außerdem müsse in jedem Fall einzeln aus ärztlicher Sicht abgewogen werden, ob überhaupt Jodtabletten genommen werden dürften. Schließlich gebe es eine Vielzahl von Menschen, die unter Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion litten, gibt der Mediziner zu bedenken.

Quelle: NGZ
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