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Jüchen
"Bettenwechsel" in der Notunterkunft

Jüchen: "Bettenwechsel" in der Notunterkunft
Petra Henke und Tochter Mara helfen zwei- bis dreimal wöchentlich in der Notunterkunft für Flüchtlinge an der Odenkirchener Straße. Sie fühlen sich durch die Begegnungen mit den Menschen gegen manche Vorurteile gestärkt. FOTO: Lber
Jüchen. Inzwischen ist die Notunterkunft an der Odenkirchener Straße wieder voll belegt. Sie soll um zusätzliche Räume erweitert werden. Von Susanne Niemöhlmann

Luxus ist anders. Der nüchterne Zweckbau an der Odenkirchener Straße, ein ehemaliger Supermarkt, den die Gemeinde Mitte September im Hau-ruck-Verfahren zur Notunterkunft umfunktionierte, ist allenfalls eines: ein Dach über dem Kopf. Wohnlichkeit, Wärme strahlt hier nichts aus. Nicht die nackten Feldbetten, die schon ziemlich wackelig sind. Nicht die Bauzäune, die notdürftig mit Folien bespannt sind, um die riesige Halle in kleinere Bereiche einzuteilen, verschiedene Ethnien voneinander zu trennen, Familien ein wenig Sichtschutz und ein Minimum an Privatsphäre zu bieten. Die Klimaanlage läuft pausenlos, um etwas Sauerstoff in die abgestandene Luft in dem fensterlosen Raum schaufeln. Kein Ort, wo man über einen längeren Zeitraum leben will. Eine Notunterkunft eben, für ein paar Tage, höchstens wenige Wochen.

Petra Henke und Tochter Mara helfen in der Notunterkunft für Flüchtlinge an der Odenkirchener Straße. FOTO: Lber

Hier haben zuletzt bis zu 150 Menschen übernachtet. Beim Besuch ist die Halle bis auf einige Helfer menschenleer. Vorübergehend. Am Mittag haben die Flüchtlinge das Quartier verlassen. Busse haben die Menschen zur Zentralen Registrierung ins ostwestfälische Herford gebracht, gut 220 Kilometer von Jüchen entfernt. Das hat für Aufregung gesorgt, denn: "Die Leute wussten nicht, was mit ihnen passiert. Das musste in allen möglichen Sprachen kommuniziert werden", sagt Kämmerin Annette Gratz, die bei der Gemeindeverwaltung für die Notunterkunft zuständig ist.

Nicht auf alles können die professionellen Mitarbeiter der Caritas Mönchengladbach und die ehrenamtlichen Helfer der Evangelischen Kirchengemeinde Kelzenberg Antwort geben. Wo sie die Nacht verbringen werden - niemand weiß es. Am Abend werden 14 unbegleitete Jugendliche nach Jüchen zurückkehren. Doch das ahnt am Morgen niemand. Und so packen alle zur Sicherheit ihre Habseligkeiten zusammen. "Vor einigen Wochen kam ein Trupp zur mobilen Ersterfassung hierher", berichtet Bürgermeister Harald Zillikens. Warum es nun einfacher sein soll, die 150 Asylbewerber durch das Bundesland zu fahren - er zuckt mit den Schultern.

Hintergrund: So läuft das Asylverfahren ab FOTO: dpa, ua fpt

Keine Zeit vergeuden: Wer weiß schon, wann die nächsten Flüchtlinge eintreffen - und wie viele. Die Feuerwehr überprüft die Markierungen der Fluchtwege. Helferinnen der Kelzenberger Gemeinde sind dabei, Wäsche zu sortieren. Decken und Kleidung sind zu reinigen. "Insgesamt haben die Leute die Unterkunft ordentlich hinterlassen", berichtet Petra Henke, die zwei- bis dreimal pro Woche zusammen mit Tochter Mara anfasst, "die Schlafkojen halten sie sowieso immer selbst sauber." Die professionellen Reinigungskräfte desinfizieren die Betten und reinigen die sanitären Anlagen. "Wegen der Hygienestandards, die eingehalten werden müssen", erklärt Zillikens.

Die Gemeinde hat bereits stabilere Metallbetten angeschafft. Sie sollen nach und nach die Feldbetten ersetzen. Hier und da weisen Gitterbettchen darauf hin, dass längst nicht mehr nur junge alleinreisende Männer ein Obdach gefunden haben, sondern auch Familien mit Kleinkindern. Noch erfolgt die Essensausgabe im Zelt vor dem Eingang. Doch Zillikens stellt zu diesem Zweck weitere Räume in der Nachbarschaft in Aussicht, die nach Beendigung des derzeitigen Mietverhältnisses frei werden.

Im vorderen Bereich der Halle, wo einige wenige Tische und Stühle stehen, hängen in nahezu 20 Sprachen die Hausregeln und Instruktionen über das richtige Verhalten im Brandfall aus. Dazwischen gelbe Klebezettel, mit arabischen Schriftzeichen bedeckt, mit weiteren Informationen. Großes Interesse bestehe auch an den Aushängen in deutscher Sprache, erzählt Petra Henke: "Viele suchen eine Beschäftigung, die meisten wollen unbedingt schnell Deutsch lernen." Und wenden stolz ihre frisch erworbenen Sprachkenntnisse an. Ebenso wie ihre Tochter Mara hat Petra Henke die Menschen als höflich und hilfsbereit erlebt: "Vor allem die Männer bieten ständig ihre Hilfe an, fragen, was sie tun sollen."

Helferin Nicol Gieron hat ein Ausflug mit Müttern und Kindern zu einem nahegelegenen Spielplatz sehr berührt: "Die etwas älteren Kinder, die sich oft um die jüngeren Geschwister kümmern, einmal selbst ganz gelöst im Spiel zu erleben - trotz ihres teils schlimmen Schicksals - ging mir schon nahe." Petra Henke fühlt sich durch die Erfahrungen in der Notunterkunft gestärkt für manche Vorurteile gegen Flüchtlinge, die ihr gelegentlich begegnen. Auch Tochter Mara, die sogar begonnen hat, Arabisch zu lernen, fühlt sich "nicht mehr so hilfslos, wenn ich in den Nachrichten von der Flüchtlingskatastrophe höre. Ich kann etwas tun."

Inzwischen ist die Notunterkunft wieder voll belegt. Neben den 14 Jugendlichen, die noch am selben Abend zurückkehrten, fanden hier kurze Zeit später 128 neue Flüchtlinge Zuflucht.

Quelle: NGZ
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