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Jüchen
Ein Zeichen gegen das Vergessen

Jüchen: Ein Zeichen gegen das Vergessen
Pfarrer Franz-Karl Bohnen (l.) und Bürgermeister Harald Zillikens legten gestern Mittag vor dem Mahnmal für die Opfer der Gewalt auf dem Friedhof in Hochneukirch einen Kranz nieder. FOTO: cka
Jüchen. Gedenkfeier in Hochneukirch: Rund 80 Bürger erinnerten zum Jahrestag der Reichspogromnacht 1938 an die Opfer des NS-Terrors. Bürgermeister Harald Zillikens würdigte die im Sommer verstorbene Holocaust-Überlebende Ilse Rübsteck. Von Christian Kandzorra

Den Opfern Respekt erweisen, ein Zeichen setzen gegen das Vergessen und gegen Antisemitismus: Darum ging es gestern bei einer Gedenkveranstaltung im Ortsteil Hochneukirch, bei der Pfarrer Franz-Karl Bohnen und Bürgermeister Harald Zillikens einen großen Kranz vor dem Mahnmal gegen Gewalt auf dem Friedhof niederlegten. In das Mahnmal - ein großer schwarzer Gedenkstein - sind 19 Namen graviert. 19 Namen für 19 Menschen jüdischen Glaubens aus dem Gemeindegebiet, die zu Zeiten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in ihrer Heimat verfolgt, gedemütigt und schließlich deportiert und ermordet wurden.

"Mit seinem Gewaltausbruch und seiner Menschenverachtung wies das Novemberpogrom bereits auf den Holocaust hin, auf jenes unfassbare Verbrechen, das uns bis heute mit Trauer, Scham und Entsetzen erfüllt", sagte Harald Zillikens in seiner Rede vor dem Mahnmal und kam damit auf den Anlass der Gedenkfeier zu sprechen: auf den Jahrestag des Pogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, bei dem die Verfolgung von Juden durch das NS-Regime einen ersten schrecklichen Höhepunkt erreichte - auch im Gebiet der heutigen Gemeinde Jüchen. "Wir möchten bekunden, dass wir nicht vergessen und nicht verdrängen, welche Untaten von Deutschen in deutschem Namen begangen wurden", sagte der Bürgermeister. In besonderer Form erinnerte er bei der Gedenkfeier noch einmal an Ilse Rübsteck (geborene Falkenstein), die im Sommer dieses Jahres im Alter von 95 Jahren verstarb: Die Holocaust-Überlebende hatte über ihre Erinnerungen an ihre Verschleppung in das Ghetto von Riga 1941, an die jahrelange Zwangsarbeit für SS und Wehrmacht, die sie leisten musste, an die Ermordung ihrer Eltern in Auschwitz sowie an ihre Rückkehr nach Hochneukirch berichtet. Zillikens würdigte sie als "bewundernswert starke, lebensbejahende und versöhnliche Frau". Mitgestaltet wurde die Gedenkfeier diesmal von Schülern des Gymnasiums Jüchen, die sich im Unterricht sowie in AGs mit den Schicksalen jüdischer Menschen aus Jüchen beschäftigen. "Dadurch wird Geschichte für Schüler greifbarer", sagte Lehrer Joachim Schröder, dessen Schülerinnen Anna Lüpges und Julia Föhlisch die Namen der 19 Opfer vorlasen.

Nachdenkliche Worte fand Zillikens dafür, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit vielerorts wieder Auftrieb bekommen. "Bestürzt und alarmiert bin ich auch über einen Vorfall in unserer Gemeinde", betonte er. Bereits zweimal sei am Nelly-Sachs-Weg das ergänzende Legenden-Schild mit Informationen über die jüdische Dichterin und Nobelpreisträgerin gestohlen worden.

Bei einem anschließenden Gottesdienst in St. Pantaleon trugen Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden Textpassagen bekannter Autoren wie Anne Frank und Dietrich Bonhoeffer vor, die die Grausamkeiten des Holocausts verdeutlichen. Musikalisch wurde die Gedenkfeier vom Mönchengladbacher "Shalom-Chor" sowie vom Ensemble "Shpil, Klezmer, shpil" gestaltet, die auch mit fröhlichen Liedern einen anderen Akzent als bei der eher nachdenklichen Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof setzten.

Quelle: NGZ
 
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