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Wörterbuch vom Geschichtskreis Otzenrath
Mundart bewahrt die verlorene Heimat

Wörterbuch vom Geschichtskreis Otzenrath: Mundart bewahrt die verlorene Heimat
Mann mit Jauchefass aus dem Jahr 1937: "Ech wu-ar d' r janze Daach am Drieß schürje", wird die Bildunterschrift im Mundratwörterbuch lauten. FOTO: Gert Behr (3), Tillmanns (1)
Jüchen. In vier Jahren hat der Geschichtskreis Otzenrath 12.000 Begriffe für ein Mundartwörterbuch gesammelt, das im Frühjahr erscheint. Nachdem Otzenrath dem Tagebau weichen musste, ist die Mundart das letzte Stück Heimat. Von Gundhild Tillmanns

Ihre Heimat Alt-Otzenrath haben Gert Behr und Konrad Eickels schon vor vielen Jahren sozusagen untergehen gesehen im "großen Loch" des Braunkohletagebaus. Doch zumindest ihre Otzenrather Mundart wollten sie und ihre weiteren Mitstreiter im Otzenrather Geschichtskreis erhalten wissen. Vier Jahre lang haben sie nun insgesamt 12.000 Wörter und Redewendungen aus dem Otzenrather Platt gesammelt, dokumentiert und übersetzt. Nun soll ihr Mundartwörterbuch in Druck gehen.

Angereichert wird das Werk durch eine Vielzahl von Fotografien, die Behr größtenteils in dem privaten Heimatmuseum von Inge Broska anfertigen konnte. Die passionierte Sammlerin hatte denn auch eine ganze Kiste voller Schnipsel mit Mundartwörtern zusammengetragen, die Konrad Eickels dann in einer ausgesprochenen Fleißarbeit in Dateienform brachte. Jedes einzelne Schnipselchen hat er dabei in die Hand genommen und mühselig abgeschrieben, damit alle kleinen Einzelbeiträge auch zu einer Systematik für das Mundartwörterbuch konzipiert werden konnten.

Ein Regal mit Eingemachtem - "Enjemaats" in Mundart. FOTO: Gert Behr

Fachliche Betreuung fanden die Otzenrather bei ihrem Mundartwörterbuch in Eva Schmitt-Roth vom "Internationalen Mundartarchiv Ludwig Soumagne" in Zons. Dort wird nun auch der Druck begleitet, denn im Frühjahr 2018 soll das Werk erscheinen. Zur Finanzierung suchen die Otzenrather aber noch Sponsoren und haben sich deshalb für das Förderprogramm der Raiffeisenbank gemeldet. Dort steht eine bestimmte Summe zur Verfügung. Wer gefördert wird, darüber entscheidet aber ein freies Votum im Internet unter www.foerderprogramm-erkelenz.de. "Hoffentlich machen viele mit", wünschen sich Behr und Eickels.

Das Erscheinen des Mundartwörterbuches werden aber schon mindestens zwei der ursprünglich sieben Autoren nicht mehr miterleben können: Josef Stessen ist 2013 und Josef Brockerhoff im vergangenen Jahr verstorben. Neben Behr, Eickels und Broska gehören Hans-Bert Cremer und Hubert Stessen zum Geschichtskreis Otzenrath, der sich zum Endspurt alle acht Tage zur intensiven Arbeit am Mundartwörterbuch getroffen hat. Denn Josef Brockerhoff hatte angemahnt: "Wir müssen an unser Alter denken und Tempo machen." Und tatsächlich starb der über 90-Jährige ein halbes Jahr später.

Toilettenhäuschen wie dieses aus Alt-Otzenrath gab es früher viele. FOTO: Gert Behr

Die Zusammenkünfte des Otzenrather Geschichtskreises seien übrigens viel mehr als nur Arbeitstreffen für das Mundartwörterbuch gewesen, berichtet Gert Behr: "Wir haben uns auch immer alle möglichen Anekdoten erzählt." Dabei sei das Leben anno dazumal in Alt-Otzenrath wieder wach geworden. Die Redewendungen, die im Wörterbuch ebenfalls zu finden sein werden, und natürlich die Bilder geben viel davon wieder, wie früher auf dem Lande gelebt wurde.

Da ist beispielsweise das außergewöhnliche Foto von einem Mann mit Jauchefass, der Ende der 1930er Jahre noch auf diese Art und Weise die heutige Kanalisation ersetzte. Mit Gummistiefeln und Holzschuhen zweifach geschützt , schreitet er nach einem vollen Arbeitstag rund um das stinkende Güllefass trotzdem dem Fotografen freundlich lächelnd entgegen. Und dazu lautet die Erläuterung in Otzenrather Platt: ""Ech wu-ar d'r janze Daach am Drieß schürje", auf Hochdeutsch: "Ich habe den ganzen Tag Schei... geschüppt." Neben all' der teilweise auch deftigen Nostalgie wird mit dem Otzenrather Mundartwörterbuch aber auch ein Stück linguistische Geschichte festgehalten. Denn Otzenrath und auch Spenrath lagen auf der sogenannten Uerdinger und Benrather Linie: nördlich von dem nur etwa zwei Kilometer entfernten Borschemich oder in Mönchengladbach wurde schon wieder ganz anders gesprochen, wie Gert Behr erläutert.

Gert Behr und Konrad Eickels mit dem Titelbild für das Mundartwörterbuch. FOTO: Gundhild Tillmanns

Sagte man in Otzenrath "maache" für machen, so hieß es in Mönchengladbach "make". Oder aus der Otzenrather "Zick" für Zeit wurde in Gladbach die "Tiet", aus dem "Löhfel" für Löffel in Otzenrath etwas weiter nördlich der "Löhpel" oder "Loopel".

Quelle: NGZ
 
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