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Jüchen
So läuft der Unterricht in den neuen Lernbüros

Jüchen: So läuft der Unterricht in den neuen Lernbüros
Lehrerin Stefanie Dietrich steht im Lernbüro nicht frontal vor der Klasse. FOTO: Gundhild Tillmanns
Jüchen. Die Lernbüros der Gesamtschule stießen zunächst auf Ablehnung. Die NGZ hat sich das Unterrichtsmodell in der Praxis angeschaut. Von Gundhild Tillmanns

Wohl kaum eine Unterrichtsform ist in Jüchen jemals im Vorhinein und aus Unkenntnis so abgelehnt worden wie die Lernbüros der neuen Gesamtschule. Noch bevor die Gesamtschule mit dieser allerdings nur für Jüchen neuen pädagogischen Form begann, wurden Ängste laut. Es wurde Stimmung - auch aus der Politik - gegen die Lernbüros gemacht. Angeblich seien die Kinder dort ohne Lehrer völlig auf sich gestellt. Alles laufe chaotisch ab: Solche und ähnliche Vorurteile und Fehlinformationen wurden verbreitet. Was tatsächlich in den Lernbüros passiert, wollte die NGZ wissen und begab sich deshalb zu einem "Selbstversuch" in eines der Lernbüros am Gesamtschulstandort Hochneukirch.

"Lernbüro Mathe", steht an der Türe. Und im Raum verteilen sich Jungen und Mädchen der fünften, sechsten und siebten Klassen nach dem Prinzip, dass nie Schüler aus dem gleichen Jahrgang zusammen sitzen sollen. Der Sinn: Die Kinder sollen nicht abschreiben oder aus Langeweile miteinander schwätzen. Jeder soll konzentriert sein Arbeitspensum bewältigen, kann dabei aber den älteren Schüler fragen - oder vor allem die Lehrer.

In einem Nebenraum des Lernbüros arbeitet eine Schülerin in besonderer Ruhe. Im Schrank sind die Boxen mit den Übungsbüchern der Schüler. FOTO: Gundhild Tillmanns

So ist das "Lernbüro Mathe" an diesem Morgen, den die NGZ mitverfolgt, für Lehrerin Stefanie Dietrich eine echte Herausforderung. Vor der Klasse frontal ist sie eigentlich nie anzutreffen, im Gegenteil: Sie geht ständig von Schüler zu Schüler, beantwortet Fragen, gibt Hilfestellungen. Dabei muss sie ständig blitzschnell hin- und herspringen zwischen den Lerninhalten der fünften bis siebten Klassen.

Dabei ist es erstaunlich ruhig im Lernbüro. Die auf einer großen gelben Tafel am Eingang notierten Verhaltensregeln scheinen die Heranwachsenden größtenteils verinnerlicht zu haben. Nur ganz selten muss Dietrich mal ein "Psst!" in den Raum flüstern. Denn der Flüsterton ist die Lautstärke, die im Lernbüro vorherrscht.

Die älteren Schüler helfen in den Lernbüros auch den jüngeren bei der Erarbeitung der Inhalte, wie hier im Fach Mathematik. FOTO: Gundhild Tillmanns

Das hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem Frontalunterricht, den die Eltern der heutigen Schulkinder und erst recht deren Großeltern noch kannten. Da gibt es kein "Abtauchen" in einen vermeintlichen "Still, aber aufmerksam"-Modus. Ob die Lernhalte, die in ein festes System aus Bausteinen aufgebaut sind, beherrscht werden, wird bei jedem Schüler in sechs Facharbeiten pro Schuljahr und Hauptfach abgefragt. Individuell ist der Zeitpunkt, zu dem sich Schüler für die Facharbeit anmeldet, die dann im Silentiumraum geschrieben wird. Dazu werden Vortests angeboten, in denen die Kinder überprüfen können, ob sie den Stoff für die Facharbeit beherrschen.

Bei der Gruppe im "Lernbüro Mathe" wird ebenso deutlich, wie sich die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit innerhalb eines Jahres, in denen diese Lern"-Studios" an der Gesamtschule Jüchen existieren, entwickelt haben. Während manch ein Fünftklässler von der Lehrerin noch Hilfe benötigt, beispielsweise in den Lehrbüchern die Kapitel zu finden, die bei der Beantwortung der Arbeitsfragen helfen, betreiben die älteren Schüler schon selbstverständlich ihr eigenes "Quellenstudium". Und so soll es sein, wie Gesamtschulleiterin Susanne Schumacher und Daniel Krohne, der Leiter der Gesamtschulabteilung Hochneukirch, betonen. "Die Kinder lernen hier schon ab der fünften Klasse im Grunde das wissenschaftliche Arbeiten, das sie später brauchen, wenn sie in die Oberstufe wechseln und studieren", sagt Krohne. Und Schumacher fügt hinzu: "Auch in der Berufsausbildung wird heute diese Art des selbstständigen Lernens gefordert."

Im Silentiumraum schreiben die Schüler individuell nach ihrem Zeitplan die sechs Facharbeiten im Jahr. FOTO: Gundhild Tillmanns

Ihre erste Oberstufe wird die Gesamtschule Jüchen ab dem nächsten Sommer aufbauen. Eine wichtige Grundsatzentscheidung steht jetzt an, nämlich ob die Lernbüros auch ab der achten Klasse eingeführt werden. Aus Sicht der Lehrerschaft solle dies auf jeden Fall geschehen, betont die Schulleiterin, die allerdings weiß, wie wichtig die Akzeptanz der Eltern ist.

Denn die Regelung, die Lernbüros an zwei Doppelstunden pro Woche in jeweils einem der drei Hauptfächer mit vier Stunden Fachunterricht zu koppeln, sei ein Kompromiss, der zugunsten der Eltern geschlossen worden sei. Anfangs hatte es für Deutsch, Mathematik und Englisch nur die Lernbüros gegeben. Da aber die eigentlichen Lerninhalte mit der Vorbereitung der schriftlichen Facharbeiten weiterhin in den Lernbüros erarbeitet würden, würden im Fachunterricht jetzt zusätzliche Schwerpunkte gesetzt, im Englischen zum Beispiel mehr Conversation-Training.

Quelle: NGZ
 
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