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Kaarst
"Demokratie ist nervenaufreibend"

Kaarst. Am Tag der Deutschen Einheit hielt Anna von Arnim einen Vortrag zum Thema "Sind wir ein Volk?".

"Deutschland ist zusammengewachsen" - mit diesem Schlusswort beendete Anna von Arnim, Mitarbeiterin für die Bereiche Zeitzeugen und Erinnerungskultur bei der Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin, ihren Vortrag "Sind wir ein Volk?" beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit im gut besuchten Atrium des Kaarster Rathauses.

Zu Beginn schilderte sie den großen Enthusiasmus nach der Maueröffnung und den raschen Prozess des Beitritts der DDR zur BRD nach nur 173 Tagen. "Doch die ökonomische Transformationskrise führte zu einem Stimmungsumschwung", erläuterte von Arnim - und mit dem Spiegel-Zitat "Sind das die neuen Türken?" verdeutlichte sie die Skepsis der Westdeutschen gegenüber den neu hinzuziehenden Ostdeutschen.

Anfang der 90er Jahre stieg die allgemeine Zufriedenheit wieder, wobei die Menschen im Westen generell zufriedener seien, erklärte von Arnim anhand von Statistiken. Einig hingegen seien sich alle Deutschen bei der negativen Beurteilung der Politiker. Nach Aufzählen aller Erfolge der Wiedervereinigung - eine gefestigte Demokratie, Weltöffnung für die ehemaligen Bürger der DDR, Beseitigung von Umweltschäden und dem wirtschaftlichen Zusammenwachsen - ging von Arnim ausführlich auf die anschwellenden aktuellen Konflikte ein. "Einer Minderheit erscheint die Einheit unvollendet", erläuterte sie. Ausgrenzung, Unsicherheit mit der jungen Demokratie und mangelnde Erfahrung im Umgang mit "Ausländern", die in der DDR nur als Vertragspartner arbeiteten und deren Kontaktaufnahme verboten war, führten vor allem in ländlichen Gebieten zum Eindruck der Bevorzugung anderer. Von Arnim berichtete von einer Begegnung mit einem jungen NPD-Mitglied in der sächsischen Schweiz 2007. "Niemand kümmert sich um uns", war sein Fazit. Pegida und die AfD eröffneten politische Räume für viele Unzufriedene, wobei die Parole von 1989 "Wir sind das Volk" unter völlig anderen Vorzeichen wieder verwendet werde. Der "Ostdeprivation" (Benachteiligung von Ostdeutschen) lasse sich nur mit historischer Aufarbeitung und politischer Bildung begegnen, so von Arnim. "Demokratie ist nervenaufreibend, aber es gilt, ihre Werte und die Rechtsstaatlichkeit aufrecht zu erhalten", fasste sie zusammen.

Bildung diene der historischen Kompetenz und die Gegenwartsorientierung solle vor allem Schülern helfen, sich bei Begegnungen an historischen Orten und mit Zeitzeugen eine eigene, unabhängige Meinung zu bilden.

Den Beweis dafür hatten zuvor fünf Schüler des Geschichtsleistungskurses Q2 des Albert-Einstein-Gymnasiums in Kooperation mit dem Georg-Büchner-Gymnasium angetreten. Eine Reise nach Berlin hatte zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema "Flucht in die Freiheit" geführt. Aufgelockert wurde der Festakt durch die Konzertgitarristen der Musikschule Neuss, Tobias Löns und Julian Glaw. Bürgermeisterin Ulrike Nienhaus freute sich über eine Delegation aus der Partnerstadt La Madeleine und viele Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft.

(keld)
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