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Kaarst
Der Vater hat große Zukunftsangst

Kaarst. Wer seinen Namen googelt, findet wissenschaftliche Artikel zur Experimental-, Molekular- und Atomphysik. Darunter neueste Publikationen vom Mai 2016. Yahia M. Mahzia war 23 Jahre lang Mitglied des technischen und wissenschaftlichen Forschungsteams in der syrischen Atomenergiekommission. Danach arbeitete er an der Fakultät für Physik und Chemie an der Universität in Damaskus.

Der 55-Jährige, der Englisch und Französisch spricht, kam gemeinsam mit der jüngsten Tochter Raghad erst im Juni 2016 nach Deutschland. Ihre Flucht war besonders dramatisch. "Aufgrund seiner speziellen Arbeit für die Atomenergiekommission hatte er ein Ausreiseverbot für fünf Jahre", erklärt sein Sohn Aiham Mahzia.

Auf allen Wegen habe er versucht, seiner Familie zu folgen: "Legal, illegal, über Bekannte, mit Geld - doch es hatte nichts genützt", sagt Aiham. Ende 2015 bekam er aber plötzlich die Erlaubnis vom syrischen Innenministerium, für einen Tag die Deutsche Botschaft in Beirut aufsuchen zu dürfen.

"Wenn man einen solchen Termin hat, muss man ihn wahrnehmen", so Aiham. "Sonst verfällt er und es dauert ewig, einen neuen zu erhalten." Doch an dem besagten Januarmorgen 2016, als Yahia mit seiner noch minderjährigen Tochter Raghad um sieben Uhr morgens an der Grenze war, "wollten uns die Kontrolleure nicht in den Libanon lassen", erzählt der Vater auf Englisch. Dem Stempel vom Innenministerium misstrauten sie. Die Verzweiflung des Vaters wuchs, er rief Sohn Aiham und Tochter Reem an, wollte sich mit ihnen beraten.

"Wir Kinder rieten, sich Schlepper zu suchen, um illegal in den Libanon zu kommen", so Aiham. Doch der Papa wollte mit seiner Tochter lieber wieder zurück nach Hause. "Es waren dramatische Diskussionen, bis wir ihn überzeugt hatten", so Aiham. Nur eine Tasche für eine Übernachtung hatten die beiden bei sich. Hätte er geahnt, dass er nie wieder zurück nach Hause käme, "hätte ich noch Erinnerungsstücke mitgenommen", sagt der Wissenschaftler. So habe er den zurückgebliebenen Verwandten nicht mal eine Vollmacht für seinen Besitz ausstellen können.

Sechs Monate lang lebten Vater und Tochter illegal im Libanon. Dann erhielten sie das ersehnte Visum. Anderthalb Jahre hatte Yahia seine Frau Nabeela nicht gesehen. Umso glücklicher sind beide jetzt. Doch sie haben auch große Angst vor der Zukunft. Der stattliche grauhaarige Mann sieht kaum Chancen, wieder arbeiten zu können. "Er möchte nicht in Rente gehen. Doch er weiß nicht, wie er eine Stelle finden könnte", erzählt Aiham.

Was wäre, wenn der Krieg in Syrien beendet wäre? Die Antwort der Eltern ist eindeutig: "Wir würden zurückgehen und beim Aufbau helfen." Raghad ist sich da nicht so sicher: Sie besucht die Euro-Schule in Neuss, lernt fleißig Deutsch. Ihr Ziel: Sie möchte ihr begonnenes Medizin-Studium fortsetzen.

(bb)
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