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Kaarst
Die Mahzias - eine syrische Familie in Kaarst

Kaarst: Die Mahzias - eine syrische Familie in Kaarst
Wieder vereint: Die Familie Mahzia mit Mutter Nabeela, Sohn Majd, Vater Yahia, Tochter Raghad, Sohn Aiham, Tochter Reem und deren Sohn Karam (v.l.n.r.). FOTO: lber
Kaarst. Die erwachsenen Mitglieder der Familie sind auf unterschiedlichen Wegen und zu verschiedenen Zeiten nach Deutschland geflohen. Von Bärbel Broer

Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, seit sie zuletzt diese Videos gesehen haben. Nur im Gespräch mit unserer Zeitung ist die aus Syrien geflüchtete Familie Mahzia bereit, die Aufnahmen zu zeigen. Sie können es kaum ertragen, die Bilder von ihrem großen schönen Haus, der geräumigen Küche, dem eleganten Wohnzimmer und dem prachtvollen Garten mit seinen Orangen-, Zitronen-, und Olivenbäumen zu sehen. Das Video ist vor über drei Jahren entstanden, als die Familie noch gemeinsam in ihrem Haus 30 Kilometer von Damaskus entfernt lebte. Als der Krieg näher kam, die Bedrohungen sowohl von Regimetreuen als auch -gegnern größer wurden und enge Freunde spurlos verschwanden, sind sie zu unterschiedlichen Zeiten auf verschiedenen Wegen geflüchtet. Knapp drei Jahre lang hat es gedauert, bis sie alle wiedervereint waren.

Mittlerweile leben die sieben Familienmitglieder - Mutter Nabeela (52), Vater Yahia (55), ihre vier erwachsenen Kinder sowie der 16 Monate alte Enkel Karam - in Kaarst. Sie sind glücklich, dass sie einander wiederhaben. Dennoch: Auch die vermeintliche "Vorzeige-Akademikerfamilie" bekommt zu spüren, dass die Willkommenskultur in Deutschland Risse bekommen hat und ihre Zukunft unsicher ist.

Die einst wohlhabenden Akademiker zählten zur oberen Mittelschicht Syriens. "Meine Eltern hatten einen Durchschnittsverdienst von etwa 4000 Euro pro Monat", erzählt Aiham Mahzia, der älteste Sohn der Familie. "Um das besser einordnen zu können: Eine Familie mit 1000 Euro im Monat konnte mit vier Personen sehr gut leben." An diesen Zitaten ist nichts übersetzt: Der 30-Jährige spricht tatsächlich hervorragend Deutsch. "Wir hatten alles: Studium, Arbeit, Geld und unser Haus", so Aiham. Seine syrische Mutter Nabeela arbeitete als Ingenieurin in Teilzeit für die Stadtverwaltung. Vater Yahia ist Physik-Professor, der älteste Sohn Aiham Chirurg. Im Februar 2014 kam er als erster nach Deutschland. Im Dezember folgte die Mutter. Der 21-jährige Majd, der Architektur studierte, reiste im Juli 2015 ein. Die älteste Tochter Reem (27), die in Syrien Zahnärztin war, folgte mit ihrem Sohn Karam im November 2015. Vater Yahia und die jüngste Tochter Raghad (18), die angefangen hatte, Medizin zu studieren, reisten erst im Juni 2016 ein.

Keiner von ihnen musste eine lebensgefährliche Flucht in abgehalfterten Booten übers Mittelmeer riskieren. Sie konnten nach Deutschland fliegen, weil sie entsprechende Visa erhielten, nachdem sie Kautionen hinterlegt oder Bürgschaften von Verwandten erhalten hatten.

Von Ängsten, Bedrohungen und Unsicherheiten war dennoch jede Flucht begleitet, da sich bis auf Mutter Nabeela und Majd alle mehrere Monate lang illegal im Libanon aufhalten mussten, bevor sie von der Deutschen Botschaft in Beirut Visa erhielten. Familie Mahzia geriet immer mehr in Bedrängnis - auch weil Vater Yahia aus Palästina stammt. Weder er noch die Kinder haben einen Pass - nicht für Palästina, nicht für Syrien. "Vor dem Krieg war das nie ein Problem. Doch plötzlich bekamen wir zu spüren, dass wir eigentlich nichts sind, nur Staatenlose", so Aiham Mahzia.

Wie sehr er bestrebt ist, sich zu integrieren, zeigen seine vielen Aktivitäten: Er engagiert sich in der Kaarster Flüchtlingshilfe, arbeitet für die Stadt als Integrationslotse, hospitiert in der Praxis des Allgemeinmediziners Farhad Mameghani in Neuss. In der katholischen Gemeindezeitschrift Kaarst/Büttgen, stellte er sich 2015 vor und schrieb unter anderem: "Man sollte immer daran denken, dass die Menschen ein Ziel brauchen, sonst fehlen ihnen Hoffnung und Motivation, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen."

Quelle: NGZ
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