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Kaarst
Ein Welterklärer zu Gast in Kaarst

Kaarst. Im Rahmen der Vortragsreihe "Dialog Zukunft" sprach Journalisten-Legende Gerd Ruge Klartext.

Die Menschen lieben Weltversteher und Welterklärer - kein Wunder, dass der Besuch von Gerd Ruge in der Rathausgalerie im Rahmen der Vortragsreihe "Dialog Zukunft - Wie wollen wir leben?" auf große Resonanz stieß. Der 87-Jährige hatte aber - anders als der vor kurzem verstorbene Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt - nicht auf jede Frage die passende Antwort parat. Dazu sei die Welt mittlerweile zu komplex, sagte er.

Wie der Moderatorin Birgit Wilms dürfte es vielen Besuchern gegangen sein: Sie erinnerte sich an einen Mann mit Pelzmütze auf dem "Roten Platz" in Moskau in den 1970er Jahren, der jedem, der einen Fernsehapparat besaß, bekannt war. Gerd Ruge, der in München lebt, erinnerte sich an die Zeit nach dem Krieg, in dem er als Soldat hatte dienen müssen: "Ich war erst 17 Jahre alt und bekam keinen Studienplatz. Also lernte ich Englisch und Russisch." Diese Sprachkenntnisse sollten sich für ihn auszahlen. 1955 war er mit Adenauer in Russland und konnte die eine oder andere Anekdote zum Besten geben: "Mit Ihrem Sozialprogramm könnten Sie Mitglied der CDU werden", habe Adenauer zu Chrutschow gesagt. Zur Pressefreiheit bemerkte Gerd Ruge Folgendes: "Ich musste alle Texte bei der Zensurstelle vorlegen, die im Hauptpostamt untergebracht war."

Die Journalisten-Legende, die entgegen der Ankündigung nicht aus dem Buch "Unterwegs. Politische Erinnerungen" las, verriet, dass er später in den USA bei der Informationsbeschaffung auch nicht sonderlich unterstützt worden war: "Aber immerhin konnte ich mich frei bewegen und mir einen Kreis von Informanten aufbauen."

Etliche Besucher gingen, weil es in der Rathausgalerie kalt war wie auf dem "Roten Platz". Hinzu kam, dass Gerd Ruge schwer zu verstehen war, es erforderte hohe Aufmerksamkeit, ihm zu folgen. "Welche Rolle sollte Deutschland im Syrien-Konflikt spielen?", wurde er gefragt. "Schwierige Frage - weiß ich nicht", antwortete Ruge. Er lobte das bisherige Engagement von Bundeskanzlerin Angela Merkel und erklärte: "Sie ist jetzt an einem schwierigen Punkt, an einem Punkt, wo Entscheidungen getroffen werden." Nein, den Besuchern redete Ruge nicht nach dem Mund, er gab auch nicht den kompromisslosen Pazifisten: Auf eine militärische Auseinandersetzung könne man nicht völlig verzichten, sagte er. Und: "Ich sehe Kräfte in Russland, die die Grenzen vor dem Zerfall der Sowjetunion wieder herstellen wollen."

(barni)
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