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Kaarst
Eine Witwe rechnet ab: Was von der Ehe übrig blieb

Kaarst: Eine Witwe rechnet ab: Was von der Ehe übrig blieb
Jule Vollmer begeisterte als Witwe, die ihren verstorbenen Mann an dessen Grab zur Rede stellt. FOTO: ati
Kaarst. Mit ihrer Hörspiellesung zum Internationalen Frauentag begeisterte Schauspielerin Jule Vollmer im Realschul-Forum. Von Dagmar Fischbach

Klarissa Schubert ist 89 Jahre alt. Und sie hat noch Träume. Mit Delfinen will sie tauchen. In Australien. Ihre Asche soll einmal vom Ayers Rock verstreut werden. Das alles erzählt sie ihrem Mann. Gerade hat sie ihn beerdigt und sitzt auf einer Bank an seinem Grab. "Ich habe dir noch einiges zu sagen, Goldemar..."

Die Abrechnung mit rund 60 Jahren Ehe unter dem Titel "Ich will tanzen" wurde zum Internationalen Frauentag im Forum der Realschule präsentiert. Nach der Begrüßung durch Bürgermeisterin Ulrike Nienhaus und die städtische Gleichstellungsbeauftragte Hertha Peters brachte Schauspielerin Jule Vollmer die Hörspiellesung auf die Bühne.

Rund 100 Zuhörerinnen lauschten ihr amüsiert. Weniger als eine Handvoll Männer waren im Publikum zu sehen - schließlich war es Frauentag. Auf der Bühne allerdings war männliche Unterstützung unabdingbar. Pianist Elmar Dissinger sorgte bei der Hörspiellesung für die musikalische Begleitung und die Toneffekte. Die Stimme des gerade verstorbenen Goldemar kam vom Band. Eingesprochen hat sie Claus Dieter Clausnitzer, der vor allem als "Vadder Thiel" im ARD-Tatort aus Münster bekannt ist.

Aber Jule Vollmer las nicht nur, sie lebte die Figur der Klarissa Schubert. Mit leicht norddeutschem Akzent arbeitete die ihr Eheleben auf, erinnerte sich etwa an ihren 40. Geburtstag: "Ich wollte mit dir tanzen gehen. Aber du warst einfach nicht da." Ebenso wenig wie an jenem Tag, als sie ihr Kind verlor. "Du warst in Australien. Ich habe versucht, dich im Hotel anzurufen. Die Rezeptionistin erklärte mir, Mr. und Mrs. Schubert seien bereits zu Bett gegangen..."

Ehemann Goldemar versichert aus dem Grab heraus, dass die Mrs. Schubert im Jahr 1964 eine kurzlebige Affäre gewesen sei. "Für dich. Aber für mich war sie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft", sagt Klarissa und erzählt ihm, wie jene Mildred eines Tages bei ihr angerufen habe, wie sympathisch sich die beiden Frauen auf Anhieb waren und wie sie ihre neue Freundin fortan jährlich in Australien besucht habe. "Deine Wellness-Reisen nach Sri Lanka", dämmert es dem Ehemann. Doch damit nicht genug. "Ich habe ihr monatlich Geld überwiesen. Für deine Tochter Goldie - sie ist nach dir benannt", erklärt Klarissa ihrem völlig verdutzten Ehemann an dessen Grab.

Dort bleibt sie nie lang allein. Verschiedene Menschen leisten ihr Gesellschaft. Jule Vollmer ließ jede einzelne Figur lebendig werden, die vor den Ohren des Publikums neben Klarissa auf der Bank Platz nahm: den asthmatischen Herbert ebenso wie die hochnäsige Nachbarin Hochkötter, den sakralen Pastor und die gutmütige Friedhofsbekanntschaft, deren Mann in direkter Nachbarschaft begraben liegt.

Die auf eine Leinwand projizierten Zeichnungen im Comicstil von Sonja Morisse gaben ihnen ein Gesicht. Die überwiegend älteren Zuhörerinnen waren begeistert vom Nachmittag im Realschul-Forum, der mit einem Sektempfang begonnen hatte.

Quelle: NGZ
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