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Kaarst
Gänsehaut-Momente bei Feier zur Einheit

Kaarst: Gänsehaut-Momente bei Feier zur Einheit
Ein Projektchor stellte Auszüge aus dem geplanten Pop-Oratorium zu Martin Luther vor. FOTO: Anja Tinter
Kaarst. Der Pfarrer und Bürgerrechtler Rainer Eppelmann war der Hauptredner der Feier zur Deutschen Einheit im Atrium des Kaarster Rathauses. Seine Erzählungen bewegten die Zuhörer ebenso wie die anderen Darbietungen. Von Rudolf Barnholt

Die Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit im Atrium des Kaarster Rathauses stieß auf große Resonanz - auf eine Resonanz, die die Veranstaltung auch verdient hat. Im Mittelpunkt stand der Festredner Rainer Eppelmann, er verkörpert ein Stück deutsch-deutsche Geschichte: Als evangelischer Pfarrer und Bürgerrechtler schilderte er, wie Menschen mit eigener Meinung im Arbeiter- und Bauernstaat drangsaliert wurden, wie 18 Millionen Menschen zu "Flüsterern" wurden - hin- und hergerissen zwischen tiefer Unzufriedenheit und der Furcht, bei den Machthabern in der Diktatur des Proletariats anzuecken.

Bürgermeisterin Ulrike Nienhaus assoziiert den Tag der Deutschen Einheit mit "Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und der Zusammenführung von Familien". Dass der Thesenanschlag Martin Luthers 500 Jahre zurückliegt, spiegelte sich im Auftritt von Mitgliedern eines Projektchor, der am 14. und 15. Oktober in der Pfarrkirche St. Martinus drei Mal das Luther-Oratorium aufführen wird. Eine der Solistinnen, Angela Froemer, sang im Atrium "Ein feste Burg ist unser Gott", mit den rund 40 Mitgliedern des Projektchors vermittelte dies einen vielversprechenden ersten Eindruck von dem Oratorium.

Doch es folgten noch weitere Gänsehaut-Momente. Dafür sorgte vor allem Rainer Eppelmann, der sich freute, dass so viele junge Besucher da waren. Jugendliche, die nie etwas anderes als Demokratie erlebt haben. Der 74-Jährige erzählte auf packende Weise von seiner achtmonatigen Haft, weil er Wehrdienst und Gelöbnis auf die DDR verweigert hatte. Sein Credo: "Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man in einer Diktatur lebt, in der es nur eine Weltanschauung geben darf oder in einer Demokratie." Und er beklagte, dass es Menschen gebe, die auch mit den Verhältnissen, wie sie heute in Deutschland herrschen, unzufrieden seien. An die Adresse der jungen Besucher gerichtet, erinnerte an folgendes: "Wer nicht systemkonform war, durfte nicht aufs Gymnasium und bekam eher unattraktive Jobs." Er durfte - obwohl ein begabter Schüler - "nur" eine Maurerlehre machen.

Der Mitbegründer des "Demokratischen Aufbruch", der von 1990 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags war, schilderte die Stunden der Maueröffnung in einem Land, das seine Bürger 40 Jahre lang eingeschüchtert hatte. "Dabei haben wir euch die ganze Zeit durch ein Schlüsselloch beobachtet, haben gesehen, wie ihr lebt, was ihr alles besitzt, wohin ihr reisen dürft", sagte Eppelmann.

Das "Schlüsselloch" waren die Programme von ARD und ZDF. "Die DDR war ohne Zweifel ein Unrechtsstaat, ich kann nicht verstehen, dass darüber bisweilen diskutiert wird", erklärte Rainer Eppelmann. Er möchte unbedingt 93 Jahre alt werden und verriet auch, warum: "Weil ich dann ein Jahr länger in der Demokratie als in einer Diktatur gelebt habe."

Quelle: NGZ
 
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