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Ikea-CEO Jesper Brodin
"Wir prüfen den Markt für Leih-Möbel"

Ikea-Eröffnung 2017 in Kaarst: "Wir prüfen den Markt für Leih-Möbel"
Jesper Brodin im Interview in Kaarst. FOTO: Berns, Lothar
Exklusiv | Kaarst. Die Neueröffnung in Kaarst ist eine Premiere für Jesper Brodin. Seit September 2017 leitet er den schwedischen Möbelgiganten Ikea. Im Interview spricht der 48-Jährige über Kaarst, "Möbelkriege" und die Digitalisierung. In einem Nebensatz verrät er eine neue Idee.  Von Clemens Boisserée

"Das ist der Jesper", sagt eine Mitarbeiterin im gelben Ikea-Polohemd zu ihrer Kollegin, als Jesper Brodin den Eingangsbereich des neuen Möbelhauses in Kaarst betritt. Duzen gehört hier zur Firmensprache, vom Lagermitarbeiter bis zum Vorstandsvorsitzenden spricht man sich mit Vornamen an. Für Brodin ist das nichts Neues, der Schwede ist ein Ikea-Eigengewächs.

Ikea-Märkte gibt es in Tokio, Miami, Paris oder Berlin – seine erste Neueröffnung führt den 48-jährigen Göteborger jedoch nach Kaarst. "Ins modernste Einrichtungshaus der Welt", wie die Marketingabteilung betont.

Herr Brodin, im Foyer war die Spannung vor der Eröffnung greifbar. Wie nervös waren Sie?

Jesper Brodin Ich bin vor allem unendlich stolz. Jede Eröffnung hat etwas Magisches, aber diese ist ganz besonders – nicht nur, weil es meine erste als CEO von Ikea ist. Hier in Kaarst haben wir gleich mehrere große Schritte auf einmal genommen: In Sachen Architektur, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, aber auch mit Blick auf die Präsentation unserer Produkte.

Höffner, Segmüller, Schaffrath - die Konkurrenz in der Region ist groß. Ist der Neubau in Kaarst auch eine Reaktion auf diesen "Möbelkrieg"?

Brodin Der Markt hier ist nicht einfach, ja, es herrscht große Konkurrenz, viele haben unser Konzept vom Einkaufserlebnis übernommen. Aber als Ikea versuchen wir nicht nur, günstige Preise oder ein angenehmes Shopping-Erlebnis zu bieten, wir möchten das Leben unserer Kunden verbessern. Wir stecken viele Ressourcen in die Forschung, um zu verstehen, was unsere Kunden von uns wollen. Die Neuerungen hier sind ein Ergebnis davon.

Was ändert sich für den Kunden?

Brodin Sie finden hier natürlich deutlich mehr als im alten Einrichtungshaus. Aber wir haben in Kaarst auch die modernsten Ausstellungsräume von Ikea, es geht um Inspiration für ein neues Wohnen, beispielsweise im Bereich Wohnzimmer. In unseren Studien sehen wir, dass Menschen dort heute anders leben wollen. Klar, es wird immer noch auf dem Sofa sitzend TV geschaut, aber das Wohnzimmer ist vor allem ein Ort des Zusammenseins geworden. Dafür bieten wir neue Ideen.

Ikea in Kaarst stand bislang nicht unbedingt für Innovation…

Brodin Wir sind schon lange am Standort, aber würden Sie heute 150.000 Ikea-Mitarbeiter fragen, würden wohl die allermeisten Kaarst nicht kennen. Wenn Sie diese Leute in einem Jahr fragen, wird sich das geändert haben. Kaarst wird mit diesem Haus eine kleine Berühmtheit. Hier bringen wir erstmals alle Komponenten eines nachhaltigen Einrichtungshauses zusammen. Dieses Haus ist außergewöhnlich. Wir sparen beim Ausstoß von CO2, wir nutzen das Dach, um unseren eigenen Strom zu produzieren, wir nutzen Regenwasser.

Kann Kaarst damit auch Vorbild für andere Häuser sein?

Brodin Absolut! Kaarst hat Vorbildcharakter für unsere künftigen Planungen. Wir werden genau prüfen, was hier gut funktioniert und diese Erkenntnisse als nächstes für den Bau eines neuen Hauses in München nutzen. Kaarst ist der Anfang einer Entwicklung, nicht nur für Deutschland. Bis 2022 wollen wir in jedem Land, in dem wir vertreten sind, ein nachhaltiges Haus eröffnet haben. Aber schon jetzt ist das Thema Nachhaltigkeit für jeden Neubau von hoher Bedeutung.

Zwei Geschäfte in Köln, eines in Düsseldorf, eines in Duisburg, zuletzt eine Neueröffnung in Wuppertal und nun ein weiteres großes Haus hier. Kannibalisiert sich Ikea in der Region?

Brodin Uns geht es um nachhaltiges Wachstum. Wir könnten noch schneller wachsen, wir könnten noch schneller noch mehr Häuser eröffnen. Aber wenn wir das tun würden, wächst die Gefahr, dass wir uns selbst zu große Konkurrenz machen und letztlich schaden. Wir wollen auch innovativ bleiben. Ich persönlich halte den Kreislauf eines Systems für wichtig: Es geht uns nicht nur ums Möbel verkaufen, es geht auch darum, alte Möbel zu recyceln. Außerdem prüfen wir gerade, ob es einen Markt für das Verleihen von Möbeln gibt. Wir wollen mit den Menschen zusammenarbeiten, die Stärken der Gemeinschaft nutzen.

Lohnen sich solche neuen Großmärkte in Zeiten der Digitalisierung überhaupt noch?

Brodin Wir sehen, dass sich viele Kunden online auf den Ladenbesuch vorbereiten. Deshalb arbeiten wir dort vor allem viel im Bereich virtuelle Realität, unser Küchenplaner ist ein gutes, bekanntes Beispiel. Aber: Am Ende des Tages will ich persönliche Beratung im Geschäft, ich möchte sehen, was ich kaufe, es anfassen und ausprobieren. Diese Kombination macht es am Ende aus.

Wieso sollte ich als Kunde überhaupt noch ins Geschäft gehen?

Brodin Auch in unserer digitalisierten Welt braucht es Analoges. Wir brauchen unsere Mitarbeiter in den Läden, um unseren Kunden individuell und persönlich helfen zu können. Aber natürlich beschäftigt auch uns der digitale Wandel. Kunden haben immer weniger Zeit, in die Geschäfte zu kommen und wollen deshalb lieber online shoppen. Für unser Geschäft kommt es dabei vor allem auf Online-Beratung und die Anlieferung der Ware an, da haben wir noch viel Potenzial und testen aktuell viel aus.

Das könnte Jobs kosten.

Brodin Dem würde ich so nicht zustimmen. Wir haben allein in Kaarst mehr als 70 neue Mitarbeiter eingestellt. Das Restaurant, das Lager, das ganze Haus ist einfach deutlich größer als zuletzt. Grundsätzlich bietet die Digitalisierung für unser Unternehmen große Jobchancen. Wir expandieren immer weiter, wir stellen in nahezu allen Bereichen mehr Mitarbeiter ein.

 
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