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Kaarst
Jakobspilger mit muslimischen Wurzeln

Kaarst: Jakobspilger mit muslimischen Wurzeln
"Auch wenn man beim Pilgern den ganzen Körper spürt - es fühlt sich trotzdem gut an", sagt Elia Rayani, der auf dem Jakobsweg Abstand von Rettungseinsätzen gewinnt. Schwester Mona hatte ihn mit ihrer Begeisterung angesteckt. FOTO: L. Berns
Kaarst. Die Kaarster Geschwister Mona und Elias Rayani stammen aus einer christlich-muslimischen Familie. Seit einigen Jahren gehen sie regelmäßig ein Stück des Jakobswegs - und schwärmen von der Auszeit ohne Luxus, Lärm und Stress. Von Bärbel Broer

Sie sind dann mal weg: Mindestens einmal im Jahr reisen die Kaarster Mona und Elias Rayani nach Spanien, um auf dem berühmten Jakobsweg zu pilgern. Getreu dem Motto von Hape Kerkeling, der in seinem Buch "Ich bin dann mal weg" persönliche Eindrücke seiner Pilgerreise beschrieben hatte, läuft das Geschwisterpaar regelmäßig Etappen auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Die Auszeit nutzen sie zum Auftanken, zur inneren Einkehr und zum Kontakt mit Pilgern unterschiedlicher Nationalitäten.

Wenn Rayanis von ihren Pilgerreisen erzählen, reagieren ihre Bekannten meist irritiert. "Viele denken, wir seien muslimischen Glaubens", erzählt Elias Rayani. "Mein Vater ist gebürtiger Tunesier und Moslem, meine Mutter Münchnerin und evangelisch. Sie haben uns nie den Glauben vorgeschrieben, wünschten sich aber, dass wir einen Glauben finden - nur nicht bei einer Sekte." Nachdem er und seine Schwester sich mit dem Koran und der Bibel auseinandergesetzt hatten, stand ihr Entschluss: Elias wurde katholisch, Mona evangelisch.

Die Faszination des Pilgerns hatte Mona Rayani zuerst entdeckt. "Es war immer schon mein Traum, diese Strecke zu laufen", so die 26-Jährige. 2013 schloss sie sich erstmals ihrem Onkel Christoph Vieten an, der seit Jahren pilgert. Die Betriebswirtin, die wie ihr Bruder im elterlichen Unternehmen als Immobilienmaklerin arbeitet und als Hobby "Shoppen" angibt, übt dann bewusst Verzicht. "Es gibt null Luxusartikel - nur das Allernötigste in einem Acht-Kilo-Rucksack." Dazu zählen Schlafsack, zwei Sporthosen, zwei T-Shirts, Regencape, Mütze, Handschuhe und ultraleichte, schnelltrocknende Handtücher. Ihre Jakobsmuschel sowie den Pilgerpass haben sie immer dabei. Nach Tagesstrecken von 20 bis 30 Kilometern übernachten sie in Herbergen oder Hostels - mal mehr, mal weniger komfortabel. "Ich habe auch schon im Glockenturm einer Kirche auf dem Boden geschlafen", sagt Mona Rayani. Eben dieses minimalistische Leben sowie die Erlebnisse beim Wandern ermöglichten die Besinnung auf das Wesentliche, sagt sie. "Es ist wie im Märchen: pure Natur, Wälder, Wiesen, Pferde, kein Flugzeug, kein Auto. Es ist ideal, um runterzukommen."

Diese Erfahrung kann ihr Bruder bestätigen. Er pilgert seit 2015. "Ich hatte mich gewundert, wie kernentspannt meine Schwester immer zurückkehrte. Da wollte ich das auch ausprobieren", so der 32-Jährige. Bis dahin hatte er Erholung eher mit luxuriösem All-inclusive-Urlaub verbunden. Die erste Tour führte ihn gemeinsam mit seinen Zwillingsschwestern Mona und Sina, dem Onkel und dessen Kindern von Burgos nach León. Eine Strecke von etwa 220 Kilometern. "Seit ich pilgere, schätze ich das Leben viel mehr", sagt er. "Es ist wie eine Reset-Taste: Ich werde dankbarer für mein Leben, und mir wird bewusst, dass wir eigentlich nicht viel brauchen außer Essen, Trinken, Dusche und ein Bett." In diesem Jahr war der Immobilienmakler, der zweimal im Monat als Rettungsassistent bei den Maltesern zu Einsätzen in Düsseldorf und Neuss fährt, bereits zweimal auf dem Jakobsweg unterwegs. Manche Notfälle hinterlassen Spuren. "Da hatte ich das Bedürfnis, wieder runterzukommen", erzählt er. Rucksack, Wanderschuhe und Regencape hat er längst verstaut. Der Büroalltag hat ihn wieder. Doch Kraft, Ruhe und Besinnung aufs Wesentliche wirken noch länger nach. Rayani: "Auch wenn man beim Pilgern den ganzen Körper spürt. Es fühlt sich trotzdem gut an."

Quelle: NGZ
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