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Interview mit Lehrer Phillip Parusel
"Schüler haben das Recht, ihre Lehrer auszutesten"

Kaarster Lehrer wegen Strafarbeit vor Gericht
Kaarster Lehrer wegen Strafarbeit vor Gericht FOTO: Woitsch�tzke, Andreas
Kaarst. Am Mittwoch wird der Prozess gegen den Kaarster Realschullehrer Phillip Parusel fortgesetzt. Ihm wird vorgeworfen, Schüler eingesperrt und geschlagen zu haben. Im Interview spricht er darüber, was sich Lehrer von Schülern gefallen lassen müssen – und umgekehrt.  Von Susanne Niemöhlmann

Herr Parusel, wie geht es Ihnen im Moment, so unmittelbar vor dem Gerichtsurteil?

Parusel Ich bin nach wie vor verletzt, auch ein bisschen zornig, dass mir so wenig Vertrauen entgegengebracht wurde und ich in meiner Arbeit – ja – kriminalisiert worden bin. Und mit dem Medienrummel, der dann plötzlich eingesetzt hat, habe ich nicht gerechnet.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Parusel Es ist schon ein gespaltenes Gefühl, wenn man in der Postfiliale oder an der Wursttheke erkannt wird. Lieber wäre ich mit meiner Band in den Medien. Aber insgesamt bekomme ich viel Unterstützung. Gerade viele Ältere reagieren mit Kopfschütteln, was heute so an Schulen los ist.

Haben Sie Ihre Berufswahl in den vergangenen Monaten gelegentlich bereut?

Phillip Parusel Nein. Okay, wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich den Job weiterempfehle, wäre ich vorsichtig. Aber jeder Beruf hat seine Schattenseiten, und ich erlebe viele schöne Sachen. Die treten nur manchmal durch viele nervige Vorkommnisse in den Hintergrund.

Müssen sich Schüler von Lehrern alles gefallen lassen?

Parusel Nein! Die Schüler sind unsere Schutzbefohlenen. Einige Kollegen schrecken zwar nicht davor zurück, Schüler auch mal hochzunehmen. Aber ich habe schon bei meiner ersten Anstellung an einer Mädchenschule gemerkt, dass jede Bemerkung etwa über das Styling von den Schülern sehr ernstgenommen wird und sie damit nicht locker umgehen können. Darum spare ich mir da jeglichen Kommentar, weil das unter Umständen verletzend sein könnte, und halte mich zurück.

Müssen sich Lehrer von Schülern alles gefallen lassen?

Parusel Einige Schüler testen uns aus – dazu haben sie das Recht. Mittlerweile werden die Grenzen allerdings arg überstrapaziert.

Welche Möglichkeiten haben Lehrer, respektlosem Verhalten von Schülern zu begegnen?

Parusel Nur sehr eingeschränkte. Dass es absolut tabu ist, eine Klasse einzuschließen, habe ich schon im Referendariat gelernt - schon allein aus feuertechnischen Gründen. Wenn Sie drei Störenfriede in der Klasse haben, können sie allenfalls einen davon vor die Tür schicken. Mehrfach habe ich es erlebt, dass ein Schüler aus dem Unterricht gerannt ist. Dem kann ich aber nicht nachlaufen, weil ich die Klasse nicht allein lassen darf. Das sind unsere tagtäglichen Dilemmata. Und damit sind wir Lehrer allein auf weiter Flur.

Was könnte man denn da ändern?

Parusel Ich wünschte, bei uns wären Lehrkräfte immer zu zweit in einer Klasse, wie in den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern. Das würde vieles vereinfachen.

Wie würden Sie sich als Lehrer-Typ beschreiben?

Parusel Ich will nicht der Kumpel meiner Schüler sein, es ist wichtig, noch eine Distanz zu wahren. Und dann ist der Altersunterschied inzwischen auch zu groß. Jede Generation wächst in ihrem eigenen Zeitgeist auf. Und sich da so ranzuschmeißen, kann nur peinlich werden. Ich bin aber auch nicht gern der Feldwebel. Da muss man immer einen Mittelweg finden, sich auf die jeweilige Klasse einstellen. Und Humor ist im Klassenzimmer wichtig, aber nie auf Kosten der Schüler.

Ziehen Eltern und Lehrer heute noch an einem Strang?

Parusel Viel zu wenig. Die Resonanz auf Pflegschaftsabende ist zu gering, manche Eltern reagieren auch zu spät, sind schwer oder gar nicht zu erreichen. Und die Eltern, die sich von ihren Kindern um den kleinen Finger wickeln lassen, sind jene, die uns Lehrer gar nicht mehr anhören und vertrauen.

Am ersten Verhandlungstag erschien eine Gruppe ehemaliger Schülerinnen von der Mildred-Scheel-Realschule im Neusser Amtsgericht. Wussten Sie davon?

Parusel Nein, davon war ich zutiefst angenehm überrascht, und das hat mich herzlich berührt. Die hatten das offenbar in der Zeitung gelesen – toll übrigens, dass sie Zeitung lesen – und haben sich dann für mich ins Zeug gelegt. Das fand ich sehr fair und nett. In dem Moment, wo man auf der Anklagebank Platz nimmt, ist das schon ein mulmiges Gefühl. Da tut so was gut.

Susanne Niemöhlmann führte das Gespräch.

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