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Jürgen Steinmetz im Interview
"Kaarst sollte seine Stärken stärken"

Jürgen Steinmetz im Interview: "Kaarst sollte seine Stärken stärken"
Seit dem 1. Juli ist Jürgen Steinmetz Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein. Zuhause ist er in Büttgen. FOTO: Anja Tinter
Grevenbroich. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein spricht über Chancen und Risiken für den Wirtschaftsstandort.

Herr Steinmetz, der Rhein-Kreis Neuss steht im Vergleich mit den anderen Teilregionen des IHK-Bezirks sehr gut da. Welche Rolle spielt Kaarst dabei?

Jürgen Steinmetz Kaarst profitiert von seiner günstigen geografischen Lage und einer idealen Infrastrukturanbindung. Die Unternehmen der Stadt sind gut aufgestellt, die Arbeitslosenquote ist mit 4,7 Prozent niedrig, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen liegt mit mehr als 9300 auf Rekordniveau. Kaarst trägt wesentlich zum Erfolg des Rhein-Kreises Neuss bei.

Grundsätzlich: Wie wichtig ist die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen für die Entwicklung der Wirtschaft einer Stadt?

Steinmetz Unternehmen brauchen geeignete Flächen, um sich weiterentwickeln zu können. Wenn Betriebe expandieren oder ihre Produktionsprozesse sich ändern, sind sie darauf angewiesen, dass an ihrem Standort zusätzliche geeignete Flächen zur Verfügung stehen. Ein ausreichendes und auch passgenaues Flächenangebot ist somit die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung sowohl der Betriebe am Standort als auch durch Neuansiedlungen. Eine Stadt sollte hinsichtlich der Qualität und der Größe über ein Portfolio unterschiedlicher Gewerbe- und Industrieflächen verfügen.

Was bedeutet das für die Politik?

Steinmetz Eine vorausschauende Flächenpolitik ist nicht nur entscheidend für die Ansiedlung neuer Unternehmen, sondern auch für den Haushalt einer Stadt. In der Diskussion erlebe ich oft ein falsches Bild von der Flächeninanspruchnahme der Wirtschaft. Die Realität ist, dass gerade einmal 1,66 Prozent der Kaarster Gesamtfläche Gewerbe- und Industrieflächen sind. Auch im Vergleich zum Rhein-Kreis Neuss mit 3,81 Prozent ist dies ein besonders niedriger Wert. Kaarst liegt mit seiner Realsteueraufbringungskraft je Einwohner rund 15 Prozent unter dem NRW-Durchschnitt - eine gute Möglichkeit zur Erhöhung der Steuerkraft ist also die Ansiedlung von neuem Gewerbe.

Die Vermarktung des Gewerbegebietes "Kaarster Kreuz" rund um den neuen Ikea-Standort ist wirtschaftlich gesehen ganz sicher das wichtigste Projekt der nächsten Jahre. Wie kann es gelingen, erfolgreiche, steuerstarke Unternehmen nach Kaarst zu holen und - noch wichtiger - sie dann auch zu halten?

Steinmetz Der erste und wichtigste Schritt ist schon gemacht, denn mit der Rahmenplanung für das Gewerbegebiet "Kaarster Kreuz" hat man ein konkretes Nutzungskonzept entwickelt, das man jetzt gezielt vermarkten kann. Es ist heutzutage von großer Bedeutung, den einzelnen Gewerbestandorten ein klares Profil zu geben. Gerade wenn man neue Betriebe ansprechen will, muss man nicht nur eine freie Fläche anbieten, sondern eine "Adresse" - einen Standort mit spezifischen Merkmalen und Vorteilen. Darüber hinaus sollte die Stadt Kaarst ihre Stärken stärken. Sie sollte weiter in die Infrastruktur investieren, als Verwaltung wirtschaftsfreundlich agieren und auf wettbewerbsfähige Steuersätze setzen. Die IHK wird Verwaltung und Politik Anfang 2016 durch eine Analyse der wirtschaftlichen Stärken und Potenziale des Standortes dabei unterstützen.

Ist die Kaarster Wirtschaftsförderung diesbezüglich aus Ihrer Sicht in der Vergangenheit ausreichend auf Zack gewesen? Der Kosmetikriese L'Oreal zum Beispiel verlegt sein Logistik- und Kundenzentrum 2016 in den Regiopark Mönchengladbach. In Kaarst fand sich keine Möglichkeit zur Erweiterung ...

Steinmetz Standortentscheidungen von großen Konzernen sind nur schwer zu durchschauen und meistens sehr zeitkritisch. Das Beispiel zeigt, dass eine Stadt eben immer ausreichende Flächen zur Verfügung haben muss, um schnell und möglichst passgenau den Wünschen der Investoren nachkommen zu können. Im Fall von Ikea zeigt sich, dass man gemeinsam mit einem Investor allerdings auch viel zur Aufwertung des Standortes vereinbaren kann.

Die Kaarster CDU hat sich dafür ausgesprochen, das "Kaarster Kreuz" auch für kleinere mittelständische Unternehmen zu öffnen. Ist das der richtige Weg?

Steinmetz Auf jeden Fall. Insbesondere die mittelständischen Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Branchenvielfalt sorgt dafür, dass konjunkturelle Risiken minimiert werden. Die Abhängigkeit einer Kommune von einem großen Unternehmen ist riskant - auch hinsichtlich des Steueraufkommens. Anfragen von Großinvestoren sind ohnehin nicht alltäglich. Somit ist es nachvollziehbar, bei der Akquise verstärkt auf den Mittelstand zu setzen. Aber ich bin mir sicher, dass bei entsprechenden Anfragen die Stadt sicherlich alles tun würde, um auch größere Investitionen am Standort zu realisieren.

Reimar Molitor vom Verein "Region Köln/Bonn" schwärmte unlängst vor Kaarster Planungs- und Finanzpolitikern vom Entwicklungspotenzial des alten Ikea-Standorts an der Düsselstraße. Er gehöre zu den "wertvollsten Flächen auf der linken Rheinseite", sagte er. Wie sehen Sie das?

Steinmetz Mir gefällt der Optimismus von Herrn Molitor. Der Standort hat sicherlich viele Stärken, die eine Vermarktung begünstigen. Insbesondere die regionale und auch die überregionale Verkehrsanbindung, die ja gerade mit dem Ausbau der A 57 noch einmal wesentlich verbessert wurden, sind ideal. Die Schienenanbindung durch die Regiobahn ist ein weiteres Pfund. Eine Verlängerung nach Wuppertal, beziehungsweise Viersen und weiter nach Venlo, ist sinnvoll. Kaarst liegt außerdem in unmittelbarer Nachbarschaft zu Düsseldorf, zur Messe und zum Flughafen. All dies stärkt den Standort Kaarst.

Realsteuerhebesätze sind wichtige und kritische Standortfaktoren. Der Stadtrat hat sich gegen die von der Verwaltung vorgeschlagene Erhöhung des Hebesatzes für die Grundsteuer B von 440 auf 480 Punkte entschieden. Warum ist das aus IHK-Sicht eine gute Entscheidung?

Steinmetz Alle IHK-Umfragen belegen es: Die Höhe von Grund- und Gewerbesteuerhebesatz gehören zu den wichtigsten Standortfaktoren. Will man im Wettbewerb um Unternehmensansiedelungen erfolgreich sein, muss eine Kommune auf wettbewerbsfähige Steuerhebesätze achten. Der Kaarster Hebesatz liegt derzeit schon im oberen Bereich. Eine weitere Erhöhung wäre ein falsches Signal für potenzielle Investoren.

Inwieweit kann Kaarst von regionaler Zusammenarbeit profitieren?

Steinmetz Eine Kommune wie Kaarst profitiert beim Standortmarketing von der regionalen Kooperation. Eine ganze Region bekommt mehr Aufmerksamkeit als eine einzelne Stadt. Außerdem können die Stärken der einen die Schwächen der anderen kompensieren - und umgekehrt: Hier sind Gewerbeflächen begrenzt, dort passende Flächen übrig. Auch bei großen Infrastrukturprojekten hilft es, mit einer Stimme zu sprechen. Ich denke da an die gemeinsame Anmeldung von wichtigen Infrastrukturvorhaben in der Region Rheinland für den Bundesverkehrswegeplan. Zudem ist es häufig unter Effizienzaspekten sinnvoll, einzelne kommunale Aktivitäten gemeinsam zu erbringen oder zu verlagern. In der IHK-Organisation haben wir gute Beispiele für Zusammenarbeit bei übergreifenden Aufgaben: zum Beispiel in Form des bundesweiten Kompetenzzentrums zur Feststellung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse oder bei der Vorbereitung der bundeseinheitlichen Zwischen- und Abschlussprüfungen durch gemeinsame Einrichtungen.

Was wünschen sich der IHK-Chef und der Büttgener Jürgen Steinmetz für 2016?

Steinmetz Als Büttgener freue ich mich darauf, bald die neue K37n zu benutzen, und auf die Eröffnung des Frischemarktes in Büttgen. Ich wünsche mir außerdem ein sportliches Jahr 2016: Für die Wirtschaftsregion, dass wir mit unseren tollen Unternehmen weiter "Champions League" spielen - und als Privatperson, dass wir die Fußball-Europameisterschaft gewinnen.

JULIA HAGENACKER STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: NGZ
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