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Kaarst
Kaarster erfinden die Einkaufstüte aus Tüll

Kaarst: Kaarster erfinden die Einkaufstüte aus Tüll
Die von Annette Krapp und Khaled Alkhshen entwickelten Beutel nehmen die Menge an Obst und Gemüse für den täglichen Gebrauch auf. FOTO: Tinter
Kaarst. Annette Krapp und Khaled Alkhshen haben umweltfreundliche Beutel für Obst und Gemüse entwickelt. Doch ihre Zukunft ist ungewiss. Von Elisabeth Keldenich

Sie sind reißfest, durchsichtig, waschbar, haben eine farbige Kordel und nehmen die Menge an Obst und Gemüse für den täglichen Gebrauch auf: die von Lebensmittelchemikerin Annette Krapp (51) und Schneider Khaled Alkhshen (39) entwickelten Beutel stellen eine echte Alternative zu den sonst üblichen "Hemdchenbeuteln" an der Obsttheke dar.

Die Idee dazu hatte Krapp im Sommer 2015. Damals verabschiedete die Europäische Union (EU) eine Richtlinie zu Verminderung von Plastiktüten, die allerdings nur dickere Tüten betraf, nicht aber die für den Transport zugelassenen Hemdchenbeutel. "Wie kann man diese ersetzen, ohne erneut Müll zu produzieren?", überlegte die Mutter von zwei Söhnen. In einem Stoffgeschäft in Neuss stieß sie auf günstigen Tüll, wie er auch für Karnevalskostüme verwendet wird. "Die Materialkosten belaufen sich auf 10 bis 20 Cent pro Beutel", erläutert Krapp.

Der Zufall wollte es, dass die in der Flüchtlingshilfe engagierte Frau im November 2015 bei der Renovierung des benachbarten Commerhofes für eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien half und so Schneider Khaled Alkhshen kennenlernte, der mit Frau und vier Kindern dort einzog. "Ich hatte in Damaskus ein eigenes Unternehmen, aber alles wurde komplett zerstört", erzählt der Familienvater mit leiser Stimme, unterstützt von Tochter Aya (13). Plötzlich wurde aus dem Umweltschutz- auch ein Integrationsprojekt, denn Alkhshen war sofort bereit, die Tüllbeutel zu nähen. "Das Wohnzimmer verwandelte sich in eine Schneiderwerkstatt und ich hatte viel Spaß dabei", übersetzt Aya.

Der Verteilung der Beutel im Rewe-Markt von Thomas Röttcher machte die Verpackungsordnung einen Strich durch die Rechnung. Rückstände der im Tüll enthaltenen Kunststoffe könnten in die Lebensmittel wandern, eine Risikoanalyse wäre vermutlich zu kostenintensiv. Trotzdem gewann die Idee im Mai den Klimaschutzpreis der Stadt Kaarst. Im Juli wurden 150 Beutel beim Fest der Nationen gegen eine Spende für die Flüchtlingshilfe abgegeben. Die Zukunft der Beutel ist ungewiss. "Manchmal fragen Bekannte danach, dann werden neue genäht, wobei natürlich nur die Materialkosten gedeckt werden", erklärt Krapp. Auch die Zukunft der Familie Alkhshen ist offen. Anfang August musste sie den Commerhof verlassen, da der Besitzer das Gebäude abreißen lassen will.

Zur Zeit wohnt die Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung an der Ludwig-Erhard-Straße. "Uschi Baum sucht derzeit eine andere Unterkunft", weiß Annette Krapp. Alkhshen hat bis jetzt in einem holzverarbeitenden Betrieb gearbeitet, möchte aber lieber in seinen Beruf zurückkehren. Zunächst steht aber der zweite Integrationskursus auf dem Programm. In Kaarst fühlt sich die Familie wohl. "Ich habe schon viele Freunde", sagt Aya, die die Realschule besucht.

Quelle: NGZ
 
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