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Kaarst
Literarische Spuren eines Unglücks im viktorianischen England

Kaarst. Beim 13. Literaturabend der Kaarster Büchereien las Klaus Langer Texte, die sich mit dem Einsturz der Eisenbahnbrücke am Tay 1879 beschäftigen.

Es war eine Katastrophe, die sich am 28. Dezember1879 in Schottland ereignete: der Einsturz der erst ein Jahr zuvor in Betrieb genommenen "Firth-of-Tay"- Eisenbahnbrücke, die 75 Menschen in den Tod riss. Die Spuren dieses Ereignisses in der Literatur präsentierte Klaus Langer beim 13. Literaturabend der vier katholischen und zwei evangelischen Kaarster Büchereien im Tuppenhof.

Langer, von Hause aus Toningenieur und mittlerweile hauptberuflich als Harmonium-Restaurator und Vorlesetrainer tätig, hatte sich seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt. "Inspiriert hat mich ein Besuch bei meiner in England lebenden Schwester" erzählte er. So konzipierte er eine Kombination aus Lesung und selbstkomponierten Musikstücken auf dem Harmonium. Die nicht ganz besetzte Scheune des Tuppenhofes war dazu mit zeitgenössischen Stichen der Brücke passend gestaltet. Langer begann den Abend mit einer einfachen Nachrichtenmeldung über das Unglück und zitierte anschließend das Ingenieurslied von Heinrich Seidel aus dem Jahr 1871 mit seiner berühmtesten Zeile "Dem Ingenieur ist nichts zu schwer". Auch das wichtigste Gedicht des Schotten William Topaz McGonagall befasst sich mit der Brücke - Langer bewies mit seiner Rezitation nicht nur eine sichere Beherrschung der englischen Sprache, sondern ließ durch seine angenehme wie professionelle Sprechweise die Literatur hörbar lebendig werden und Bilder im Kopf entstehen.

Das galt vor allem für die Passage aus "Die Brücke über die Enno-Bucht" von Max Eyth (1899), die das Unglück aus der Sicht des Ingenieurs schildert. Trotz der Länge des Stückes gelang es ihm, die Zuhörer in den Bann zu ziehen - allerdings diente es einigen anderen als Einschlafhilfe. Der Künstler fasste auch die wesentlichen Ursachen für den Einsturz zusammen: mangelhafter Entwurf, fehlerhafte Bauaufsicht sowie unzureichende Wartung und mit zu hoher Geschwindigkeit fahrende Züge. Unterbrochen wurden seine Vorträge durch Musikstücke, von denen eines an diesem Abend sogar seine Uraufführung erlebte. Die traurigen Klänge unterstrichen das Dramatische des Vorgelesenen. Zum Schluss zitierte Langer den berühmtesten Niederschlag, den das Unglück in der deutschen Literatur hinterlassen hat: die Ballade "Die Brück' am Tay" von Theodor Fontane aus dem Jahr 1880.

(keld)
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