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Kaarst
Lotsen sollen bei Integration helfen

Kaarst: Lotsen sollen bei Integration helfen
Kaarst. Bouchra El Maazi und Karima Chamsi sind die ersten beiden offiziellen Integrationslotsen der Stadt Kaarst. Sie weisen Flüchtlingen und Neubürgern aus dem Ausland den Weg durch den Behördendschungel und helfen bei Sprachproblemen. Von Julia Hagenacker

Es sind unschöne Erinnerungen, die viele noch im Kopf haben. Als in den Achtzigerjahren an der Hubertusstraße das erste Flüchtlingsheim gebaut wurde, gab es erschreckende Reaktionen. Ein Teil der Stadt zeigte sich verunsichert anstatt gastfreundlich. Bouchra El Maazi ist sich sicher, dass diese diffuse Angst vor dem Unbekannten heute in Kaarst Vergangenheit ist.

Seit zweieinhalb Jahren setzt sich die 36-Jährige über das Projekt "Integrationslotsen" der Stadt Neuss auch für in Kaarst strandende Flüchtlinge ein. Jetzt, da unter anderem an der Vom-Stein-Straße ein neues Flüchtlingswohnheim errichtet wird, will die Stadt ein eigenes Projekt starten. Bouchra El Maazi und ihre Kollegin Karima Chamsi werden deshalb künftig als die ersten offiziellen Kaarster Integrationslotsen unterwegs sein.

Neuss hat diesen Service bereits 2009 ins Leben gerufen. Seit 1. Januar 2011 sind die Integrationslotsen dort im Einsatz, um Migranten in der ersten Zeit in Deutschland behilflich zu sein. Insbesondere bei Problemen mit der deutschen Sprache und bei Behördengängen sollen sie die Flüchtlinge unterstützen. Chamsi zum Beispiel spricht hocharabisch. Die Kommunikation mit Menschen aus den aktuellen Flüchtlingsgebieten, aus Syrien oder dem Irak, ist für sie damit kein Problem.

Bouchra El Maazi kümmert sich um alle anderen arabischsprachigen Flüchtlinge. Außerdem beherrscht sie auch Englisch, Französisch und Spanisch. "Diesbezüglich", sagt El Maazi, "ergänzen wir uns." Integrationslotsen müssen sich aber auch rund um Jugend-, Sozial- und Arbeitsämter, die Arge und andere Behörden, mit denen Zuwanderer zu tun haben, auskennen. Dafür haben Bouchra El Maazi und Karima Chamsi in Neuss mehrere Schulungen der Stadt, etwa zu öffentlicher Hilfe, finanzieller Sicherung oder Arbeitsrecht, besucht. Dieses Wissen sollen sie jetzt auch in Kaarst einsetzen.

"Wir betrachten das Integrationslotsenprojekt als zusätzliches Ehrenamt und Teil eines Gesamtpaketes", sagt der Kaarster Sozialdezernent und Erste Beigeordnete Sebastian Semmler. "Sobald wie möglich wollen wir innerhalb der Verwaltung eine Stelle für Sozialarbeit freimachen, zu deren Aufgabenbereich dann ausschließlich die Betreuung von Flüchtlingen gehört." Dafür, sagt Semmler, gab es zwar schon einmal zwei Stellen. "Die wurden in den 1990er Jahren aber dem Jugendamt zugeführt."

Tatsächlich wird dem Thema Integration in Kaarst große Bedeutung zugemessen. Auch der 1982 gegründete Ökumenische Arbeitskreis Asyl und die evangelische Kirche kümmern sich um Flüchtlinge. Betreut werden dort nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch Migranten, die schon lange in Kaarst leben und nur gelegentlich noch Unterstützung brauchen. Ehrenamtler begleiten sie zum Beispiel zu Ärzten. Und sie leisten Hilfen zur Alltagsbewältigung in einer fremden Umgebung.

In Neuss sitzt Bouchra El Maazi als Projekt-Sprecherin als beratendes Mitglied auch im Integrationsrat - ein Gremium, für das die 36-Jährige in Kaarst seit einem Jahr kämpft. Konkret gilt: Leben in einer Gemeinde mindestens 5000 Ausländer, ist die Einrichtung eines Integrationsrats gesetzlich vorgeschrieben; ab 2000 müssen mindestens 200 Unterschriften vorgelegt werden. In Kaarst sind rund 4000 Migranten gemeldet. 185 der somit 200 nötigen Unterschriften hat Bouchra El Maazi bereits zusammengetragen. Die gebürtige Neusserin mit marokkanischen Wurzeln ist sich sicher, dass Kaarst im September einen Integrationsrat wählt. "Bei der Arbeit in Neuss habe ich viele Menschen kennengelernt, die schon viel erreicht haben", sagt sie. "Ich weiß, dass in Kaarst eine Anlaufstelle fehlt. Es gibt keine Caritas oder Diakonie vor Ort, keine Kulturvereine, lediglich den ,Arbeitskreis Asyl', aber das Wort ,Asyl' im Namen schreckt grundsätzlich ab." Viele Migranten, mit denen sie ins Gespräch gekommen sei, berichtet El Maazi, hätten ihren Lebensmittelpunkt deshalb in andere Städte verlegt. "Das ist vielleicht auch der Grund, warum in Kaarst zuweilen der Eindruck entsteht, alle Migranten seien perfekt integriert", sagt sie. "Dass sie tatsächlich mittendrin leben und wahrgenommen werden - das wünsche ich mir."

Quelle: NGZ
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