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Ulrike Nienhaus
Nicht auf Kosten der nächsten Generation leben

Ulrike Nienhaus: Nicht auf Kosten der nächsten Generation leben
Flüchtlinge, bezahlbarer Wohnraum, Gewerbegebiete, Kita-Plätze und Senioren - Ulrike Nienhaus muss sich mit vielen Themen auseinandersetzen. FOTO: Woi
Neuss. Seit 100 Tagen ist Ulrike Nienhaus Bürgermeisterin von Kaarst - ist sie im Amt "angekommen"? Eine erste Bestandsaufnahme.

Frau Nienhaus, seit 100 Tagen sind Sie Bürgermeisterin von Kaarst. Ist mit der Wahl für Sie "ein Traum wahrgeworden"?

Ulrike Nienhaus Als wir 1980 nach Kaarst gezogen sind, habe ich im Traum nicht daran gedacht, einmal Bürgermeisterin von Kaarst zu werden - heute nun ist dies wahrgeworden. Die 100 Tage haben mir gezeigt: Ja, es ist eine Aufgabe, die mir am Herzen liegt. Für die Menschen und für die Stadt da zu sein, die Aufgaben anzugehen und die Zukunft verantwortlich mitzugestalten.

Viel Zeit, sich "in Ruhe" in Ihr Amt einzuarbeiten, hatten Sie nicht. Vor allem das Thema "Flüchtlinge" drängt...

Nienhaus Ja, das stimmt. Das Thema Flüchtlinge ist seit dem ersten Tag ein beherrschendes Thema. Ich sehe es als unsere gemeinsame Aufgabe an, den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, Schutz und Unterkunft zu gewähren. Ich würde mich freuen, wenn die Zuwanderer ein Teil der Kaarster Bevölkerung werden und uns auch bei den Zukunftsaufgaben unterstützen.

Haben Sie in diesem Zusammenhang Ihre guten Kontakte zur Bezirksregierung, die aus Ihrer beruflichen Vergangenheit herrühren, für Kaarst nutzen können?

Nienhaus Sicherlich ist es förderlich, wenn man die handelnden Personen und vor allem das Vorgehen in einer Bezirksregierung kennt. Dann ist der Griff zum Telefonhörer und das Gespräch leichter. Besonders hilfreich ist, wenn es immer ein gutes Miteinander gegeben hat, dies zahlt sich dann aus.

Welche anderen großen Herausforderungen beschäftigen Sie aktuell?

Nienhaus Bedeutende Punkte sind die Schaffung von neuem und vor allem bezahlbarem Wohnraum, die Entwicklung der Gewerbegebiete, Kita-Plätze und ein gutes Schulangebot, Angebote für Kinder, junge Familien, Singles und Senioren, Mobilität, das Thema Quartiersentwicklung unter demografischen Aspekten und die Entwicklung des integrierten Handlungskonzeptes für die Innenstadt. Und bei allem darf auch die Konsolidierung des Haushaltes nicht fehlen. Denn wir möchten nicht auf Kosten der nächsten Generation leben. Im Grunde genommen ist das Arbeit für viele Jahre. Hierauf freue ich mich.

Wie nehmen Sie grundsätzlich die Situation in Kaarst wahr?

NIenhaus Die Menschen wohnen, arbeiten und leben gerne in Kaarst. Das Angebot in den Bereichen Bildung, Sport, Kultur, Freizeit und Erholung ist sehr vielfältig und wird stark nachgefragt und angenommen. Es gibt eine positive Grundstimmung. Dennoch müssen wir darauf achten, wo es Optimierungs- und Verbesserungsbedarf gibt. Wir müssen vorausschauen und planen, damit die Menschen auch in Zukunft die Stadt Kaarst liebens- und lebenswert finden. Wir müssen einen Anreiz für junge Familien schaffen und gleichzeitig Wohn- und Lebensformen für die ältere Generation entwickeln.

Was konnten Sie bereits anstoßen?

Nienhaus Für mich war es wichtig, im Bereich der Flüchtlingsunterbringung einen weitgehend politischen und gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Die Unterstützung durch das Ehrenamt ist dabei einzigartig; hier möchte ich herzlich "Danke" sagen. Hervorzuheben sind auch die Gespräche mit der Wirtschaft, um deren Ansichten für die Zukunftsentwicklung von Kaarst zu erfahren und die vielen Kontakte mit den Bürgerinnen und Bürger. Aber auch die Entwicklung der Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung über Bereichsgrenzen hinweg waren für mich wichtige Punkte während der ersten Monate.

Was ist unter Umständen anders gekommen als erwartet?

Nienhaus Mit so viel positiver Resonanz und Unterstützung - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - habe ich nicht gerechnet. Dies freut mich besonders und gibt mir Kraft und Mut für die anstehenden Aufgaben.

Die erste Ratssitzung dauerte fast acht Stunden - müssen sich die Ratsmitglieder an solche Marathon-Zusammenkünfte gewöhnen?

Nienhaus Ich denke, dies war eine Sondersituation. Meine Vereidigung, das Thema der Ausschussbesetzungen nach der Bildung von zwei neuen Fraktionen, die Haushaltsberatungen mit den Haushaltsreden und das Thema "Flüchtlinge" haben dazu beigetragen. Mir liegt an kürzeren und konzentrierten Sitzungen. Dies fordert aber auch alle an der Ratssitzung Beteiligten, sich an der einen oder anderen Stelle kürzer zu fassen.

Die Mehrheitsverhältnisse im Rat sind schwierig. Befürchten Sie, dass durch die Stimmengleichheit viele wichtige Entscheidungen verhindert werden?

Nienhaus Stimmengleichheit haben wir durch das Ausscheiden von ordentlichen Mitgliedern zur Zeit im Planungs- und Sozialausschuss. Ich hoffe, dass wir zeitnah hier eine Entscheidung über den Rat herbeiführen können. Die Ratsmitglieder haben in für die Stadt wichtigen Entscheidungen bisher eine gemeinsame Linie gesucht. Dies stimmt mich optimistisch für eine gute Zusammenarbeit im Rat.

Inwieweit hilft Ihnen Ihr christliches Fundament bei der Bewältigung Ihrer Aufgaben?

Nienhaus Dies ist für mich eine wichtige Basis. Ich begegne den Menschen offen und vorurteilsfrei und nehme sie in ihrer eigenen Persönlichkeit wahr. Ich glaube, es ist wichtig, egal aus welcher Weltanschauung heraus, Werte zu haben, die das Miteinander in unserer Gesellschaft fördern und unterstützen.

Sind Sie eine "harte Arbeiterin"?

Nienhaus Ja, ich glaube schon. Meine früheren Funktionen haben mich auf diesen Weg gebracht. Ich habe Freude an meiner Arbeit.

Ist Ihr Doktortitel in manchen Situationen hilfreich?

Nienhaus Dies ist schwer zu sagen. Allerdings letztlich zählt der Mensch und das, was er bewirkt. Vor allem darf der Titel keine Distanz schaffen, dies ist mir sehr wichtig.

Pflegen Sie den Kontakt zu Ihrem Amtsvorgänger, Herrn Moormann? Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen? Und: Fragen Sie ihn um Rat?

Nienhaus Die Amtsübergabe war von Herrn Moormann sehr gut vorbereitet und so habe ich "Arbeitspakete" übernehmen können. Gerne frage ich an der einen oder anderen Stelle noch einmal nach. Am vorletzten Wochenende waren wir gemeinsam in unserer Partnerstadt La Madeleine. Dort hat Herr Moormann eine Auszeichnung für sein Wirken um die deutsch-französische Freundschaft erhalten. Und manchmal kommt Herr Moormann dann auch noch einfach mal im Rathaus vorbei.

SUSANNE NIEMÖHLMANN STELLTE DIE FRAGEN

Quelle: NGZ
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