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Kamp-Lintfort
Altes Kamper Gerichtsgebäude dient als Mehrfamilienhaus

Kamp-Lintfort. Das Gebäude an der Klosterstraße ist seit mehr als 70 Jahren im Besitz der Familie Bachus. Seine Geschichte reicht aber viel weiter zurück. Von Anja Katzke

Ein wenig versteckt, an der Hauswand vor dem historischen Torbogen zum Innenhof, erzählt ein kleines Messingschild große Geschichte: "Von Abt Franziskus in Erwartung einer Gerichtsbarkeit" steht darauf geschrieben. Das Gebäude an der Klosterstraße, das sich wunderbar in das Gebäude-Ensemble auf dem Kamper Berg einfügt, war Mitte des 18. Jahrhunderts von Abt Franziskus Daniels als Gerichtsgebäude mit Gefängniszellen im Gewölbekeller errichtet worden.

"Es wurde dort aber nie jemand inhaftiert", erzählt Elke Bachus. Das Gebäude befindet sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz ihrer Familie. Die Ärztin hat ihre ersten Lebensjahre im Haus verbracht und später elf Jahre lang in der oberen Etage gewohnt. Heute ist das ehemalige Kamper Gericht ein Mehrfamilienhaus. Das Kellergewölbe, das wie ein Rundlauf angelegt ist, befindet sich noch im ursprünglichen Zustand - mit Zellen und Gefängnisketten, die in der Hauswand befestigt sind. "Abt Franziskus Daniels wollte eine eigene Gerichtsbarkeit", weiß die Hauseigentümerin.

Mit Abt Franziskus Daniels aus Grevenbroich (1733 bis 1749) erlebte das Kloster Kamp eine letzte Blüte. Daniels war der 45. Abt und stand dem Kloster 16 Jahre vor. Er ließ den Bau des Terrassengartens vollenden und die Prälatur errichten. 1739 erwarb er für sich und seine Nachfolger die höhere Gerichtsbarkeit für das Kamper Gebiet. Der Kurfürst von Köln übertrug ihm damit die ihm eigene Landeshoheit und die unbeschränkte Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit. Abt Franziskus ließ das Gerichtsgebäude am Ende der Klosterstraße bauen und stellte einen Schultheiß ein. Auf dem Weg von der Abtei zur Leucht wurde sogar ein Galgen aufgestellt.

Dem Abt wird heute ein wenig Prunkliebe nachgesagt. "Das Immunitätskreuz markierte damals das Hoheitsgebiet des Zisterzienserordens und das Ende der weltlichen Gerichtsbarkeit", weiß Achim Schützendorf, Schwager von Elke Bachus, zu berichten. Der Architekt wohnt ein Haus weiter an der Klosterstraße.

Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr das Gebäude, in dem wohl nie Gericht gehalten wurde und Straftäter inhaftiert waren, unterschiedliche Nutzungen. Es war Hotel und Gaststätte, und in der NS-Zeit war im hinteren Gebäude eine Nähstube des Bunds Deutscher Mädel (BDM) eingerichtet, wissen Elke Bachus und Achim Schützendorf über die Geschichte des Hauses an der Klosterstraße zu berichten.

Elke Bachus hat eine ganz besondere Beziehung zum Haus: "Es ist das Stammhaus und der Stolz unserer Familie." Großvater Gerhard Bachus erwarb das Haus nach dem Krieg für seine Familie. Da war es weitgehend zerstört, weil es von einer englischen Fliegerbombe getroffen worden war. "Der Kamper Bürgermeister sprach meinem Großvater damals das Haus zu." Der Kaufvertrag ist noch heute im Besitz der Familie. Gerhard Bachus baute es für seine sechs Kinder Stein für Stein wieder auf. "Er war ein einfacher Maurer, der auf der Zeche arbeitete." Der Großvater gab auch an seine Kinder und Enkelkinder die Devise aus, dass das Haus immer im Besitz der Familie bleiben und nie verkauft werden solle.

"Mein Vater hat immer gesagt: Darauf musst Du gut achten. Und jetzt bin ich am Ruder", sagt Eigentümerin Elke Bachus. Sie plant, das historische und unter Denkmalschutz stehende Gebäude im kommenden Jahr zu sanieren. "Es muss zum Beispiel die Fassade gesäubert werden", sagt sie. Auch die Wohnung im Erdgeschoss soll für neue Mieter renoviert werden. Elke Bachus: "Das Bewusstsein für die Bedeutung des Gebäudes als unser Stammhaus gebe ich auch an meine Söhne weiter."

Quelle: RP
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