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Kamp-Lintfort
Bei der Tafel herrscht Hochbetrieb

Kamp-Lintfort: Bei der Tafel herrscht Hochbetrieb
Gisela Streup und Anja Brandt bei der Ausgabe der Lebensmittel. Ihre Kunden müssen Schlange stehen. FOTO: KLaus Dieker
Kamp-Lintfort. Anfangs versorgte die Tafel in Kamp-Lintfort 30 Familien, mittlerweile sind rund 1200 Personen registriert. Seit vergangenem Jahr kommen viele Flüchtlinge - die Anzahl der Bedürftigen, die verbilligt Lebensmittel einkaufen, ist deutlich gestiegen. Von Peter Gottschlich

Schon um kurz nach 12 Uhr sitzen Besucher im Café der Lintforter Tafel, um zu den ersten zu gehören, wenn am Mittwoch um 13 Uhr die Ausgabe der Lebensmittel beginnt. Schließlich herrscht Hochbetrieb in dem Eckgebäude an der Kreuzung von Friedrich-Heinrich-Allee und Konradstraße, wie zu den goldenen Zeiten des Friedrich-Heinrich-Bergwerkes, als dort in der Kneipe Schwarzen Diamanten Kumpel mit Schnaps und Bier den Staub von Untertage hinunterspülten. "In Kamp-Lintfort leben viele Sozialschwache", berichtet Marion Baas-Hahn. "70 bis 100 decken sich hier an einem Ausgabetag mit Lebensmitteln ein."

Seit die Lintforter Tafel 2003 gegründet wurde, arbeitet Baas-Hahn mit, seit zwei Jahren als eine der beiden Koordinatorinnen. "Am Anfang waren es 30 Familien, die kamen", blickt sie zurück. "Mittlerweile haben wir 468 Familien in der Kartei. Das entspricht 1200 Personen." Vor allem 2015 stieg die Anzahl der Tafelbesucher an. "Viele Flüchtlinge sind Kunden geworden", erzählt Marina Granzin, die die zweite Koordinatorin ist. "Meistens kommen sie in Gruppen. Einer pro Gruppe kann auf Englisch oder Deutsch übersetzen, wenn die anderen nur Arabisch sprechen."

Die Tafelkunden müssen dabei Geduld mitbringen. "Wir füllen die Tüten individuell" sagt Marion Baas-Hahn. "Die Kunden haben oft besondere Wünsche. Zum Beispiel essen die Muslime kein Schweinefleisch. Es wäre schade, wenn die Kunden irgendetwas wegwerfen." Weil es dauert, bis die 30 ehrenamtlichen Helfer die Tüten gepackt haben, bilden sich Schlangen. An den drei Ausgabetagen ist das Café im Vorraum brechend voll. Außerdem kann sich eine Menschentraube vor der Tür bilden. "Das ist am Monatsende so, wenn das Geld knapp wird", sagt Marina Granzin.

Weil der Andrang zugenommen hat, bleiben seit dem vergangenen Jahr einige ältere Menschen der Tafel fern, die sie jahrelang besucht haben. "Das Warten ist anstrengend", begründet Marion Baas-Hahn. "Einige hatten auch Platzangst, weil es so eng ist." Schließlich stehen montags, mittwochs und donnerstags nicht nur die Tafelbesucher im Vorraum, sondern auch ihre Kinderwagen und Rollatoren. Andere Ältere schauen weiterhin im "Schwarzen Diamanten" vorbei. "Manche erzählen, wie sie nach dem Krieg angestanden haben, um ein Brot zu bekommen", erzählt die Tafelkoordinatorin. "Heute sei es nicht anders, sagen sie."

Elke Stüning als Leiterin der Diakonie, von der die Tafel getragen wird, kennt diesen Vergleich. "Es ist ein Armutszeugnis für ein so reiches Land wie Deutschland, wenn den Armen das Geld fehlt, um Essen kaufen zu können", beklagt sie. Dabei ist es in den vergangenen Jahren für die Tafel nicht einfacher geworden, Lebensmittel zu erhalten, die kurz vor dem Ablauf der Mindesthaltbarkeit stehen. "Die Discounter sind besser organisiert", sagt Marina Granzin. "Oft kleben sie einen roten Punkt auf die Lebensmittel und verkaufen sie zum halben Preis, bevor sie sie an die Tafel geben. Zum Glück bleibt noch immer etwas für uns übrig." Insgesamt erhält die Tafel Lebensmittel von 40 Geschäften. Darunter sind mit der Bäckerei Büsch und dem Zentrallager von Lidl am ehemaligen Schacht Rossenray zwei große. "Von Büsch bekommen wir die Überproduktion eines Tages", erläutert die Tafelkoordinatorin. "So können die Kunden gutes Brot essen, das sie sonst nicht kaufen können." Selbst wenn die Tafel keine Statistik führt, ist die Menge, die sie pro Familie abgibt, seit 2015 wohl leicht rückläufig. "Sie schwankt natürlich", sagt Marion Baas-Hahn. "Nach Feiertagen ist sie immer etwas größer, da die Läden mehr Lebensmittel abgeben."

Die Tafel hat am Montag von 14 bis 16 Uhr sowie am Mittwoch und am Freitag jeweils von 13 bis 15 Uhr geöffnet. Sie befindet sich im einstigen Schwarzen Diamanten an der Kreuzung Friedrich-Heinrich-Allee/ Konradstraße. Die Abgabemenge rechnet sich nach Familiengröße. Familien bis zu vier Personen zahlen zwei Euro pro Abgabetag, Familien ab fünf Personen drei Euro.

Quelle: RP
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